Unsere Haltung zur neuen Messe

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Die Priesterbruderschaft St. Pius X. betrachtet die Liturgiereform und den aus ihr hervorgegangenen Novus Ordo Missae als schlecht. Dies unterscheidet sie von anderen Gemeinschaften, die den tridentinischen Messritus zwar schätzen und bevorzugen, den neuen Messritus aber nicht grundsätzlich ablehnen. Diese geben vielleicht zu, dass der neue Messritus weniger gut ist als der alte, aber damit bleibt er trotzdem gut. In jüngster Zeit verteidigen diese Gemeinschaften ihr Festhalten an der überlieferten Messe meist nur noch mit ihrem „Gründungscharisma“. Es sei eben ihre Sendung, diesen Schatz in der Kirche zu erhalten, daraus folge aber keine Ablehnung der neuen Liturgie.

Das Lehramt Christi

Dagegen hat die Priesterbruderschaft immer betont, dass sie aus Glaubensgründen an der überlieferten Messe festhält, weil die Verdunkelung des Opfercharakters und der Wesensverwandlung von Brot und Wein sowie die Annährung der Messe an eine protestantische Abendmahlsfeier im Ritus selbst angelegt sind. Zugegebenermaßen gibt es in der konkreten Feier der neuen Messe oft Exzesse, die sich nicht auf das neue Messbuch berufen können, aber selbst in einer korrekt nach dem Messbuch gefeierten neuen Messe findet sich „ein auffallendes Abrücken von der katholischen Theologie der hl. Messe“.1

In ähnlicher Weise hat die Priesterbruderschaft in Bezug auf das Zweite Vatikanische Konzil immer betont, dass es in den Texten selbst einige zweideutige und sogar falsche Aussagen gebe, nicht nur in den Interpretationen der Theologen. Dies steht gegen die Meinung vieler „konservativer“ Kreise, das Konzil selbst sei gut gewesen, schlecht sei nur, was man daraus gemacht habe.

Die Mangelhaftigkeit der neuen Messe

Die Schlechtigkeit des neuen Ritus besteht nicht darin, dass er in sich ungültig wäre oder eine direkte Häresie enthalten würde, sondern in seiner Mangelhaftigkeit, d. h. im Mangel von dem, was enthalten sein müsste. Die Definition des Übels lautet: privatio boni debiti, d. h. es fehlt ein geschuldetes Gut. Ein Mangel macht eine Sache oder Handlung schlecht, wenn es der Mangel von etwas Geschuldetem ist, von etwas, das da sein müsste. So liegt das Wesen der Erbsünde in dem durch die Sünde Adams verursachten Mangel an heiligmachender Gnade. Ein Kind wird ohne die Gnade geboren, obwohl es diese nach dem Plan Gottes besitzen sollte. Letztlich besteht jede Sünde in einem schuldhaften Mangel an Gutem bzw. in der mangelnden Hinordnung einer Handlung auf Gott als dem letzten Ziel.

Betrachten wir den folgenden Vergleich: Ein Katechismus, der zwar keine ausdrückliche Häresie enthält, aber wichtige Glaubenslehren verschweigt, ist schlecht und nicht nur weniger gut, denn ein Katechismus muss die gesamte Glaubenslehre darlegen. Dagegen kann ein Vortrag, der z. B. über das Gebet handelt, auch dann gut sein, wenn in ihm keine einzige typisch katholische Wahrheit enthalten ist, denn man hat nicht die Pflicht, in jedem Vortrag alle Wahrheiten aufzuzählen, die die katholische Religion von den Häresien unterscheiden.

Nach einem treffenden Wort von Erzbischof Lefebvre kommen die Reformen des Zweiten Vatikanums aus der Häresie und führen zur Häresie, selbst wenn ihre Akte nicht direkt häretisch sind.2 Man kann leicht sehen, dass alle Änderungen, die im neuen Ritus gegenüber der tridentinischen Messe gemacht wurden, nicht dem besseren Ausdruck der katholischen Messopferlehre, sondern der Annäherung an den Protestantismus dienen und dass der neue Messritus sogar die wesentlichen Forderungen Luthers erfüllt, weswegen Erzbischof Lefebvre zu Recht von der „Messe Luthers“ sprach. Es ist auch eine Tatsache, dass sechs protestantische Pastoren in den Vatikan eingeladen wurden, damit sie sagen konnten, was sie am katholischen Ritus der Messe störe.

Der langjährige Freund Pauls VI., Jean Guitton, erklärte 1993 in einem Interview: „Paul VI. hat alles in seiner Macht Stehende getan, um die katholische Messe – über das Konzil von Trient hinweg – dem protestantischen Abendmahl anzunähern. (...) Es gab bei Paul VI. eine ökumenische Absicht, all das, was es in der Messe an allzu Katholischem im traditionellen Sinn gibt, auszulöschen oder wenigstens zu korrigieren, oder wenigstens abzumildern, um die katholische Messe, ich wiederhole es, der kalvinistischen Messe anzunähern.“3

  • 1. So die Kardinäle Ottaviani und Bacci im Vorwort zu der Schrift Kurze kritische Untersuchung des neuen ordo missae, Schriftenreihe der Una Voce, Heft 4/1969, S. 3
  • 2. Grundsatzerklärung vom 24.11.1974
  • 3. Radiodiskussion vom 19.12.1993, zitiert nach: Brief an die Freunde der Abtei Sainte Madeleine, Nr. 51, Le Barroux, 10.8.1994

Einige Punkte mögen das belegen:

  • Das alte Offertorium, das in vollkommener Weise zum Ausdruck brachte, dass die Messe ein Opfer zur Sühne für die Sünden ist, wurde abgeschafft und durch eine Gabenbereitung ersetzt, die nichts davon enthält, sondern einem jüdischen Tischgebet aus dem Mittelalter nachempfunden ist.
  • Der uralte römische Kanon blieb zwar erhalten, aber es wurden ihm alternative Kanones beigesellt, die dogmatisch nicht den gleichen Wert haben. Besonders über den 2. Kanon wurde geschrieben, dass er „in voller Gewissensruhe von einem Priester gefeiert werden könne, der weder an die Transsubstantiation noch an den Opfercharakter der Messe mehr glaubt, und dass er sich daher auch bestens für die Feier eines protestantischen Religionsdieners eignen würde.“4 Wegen seiner Kürze ist aber gerade dieser Kanon der am meisten verwendete.
  • Die erste Kniebeuge des Priesters nach der Wandlung wurde gestrichen. So klein diese Änderung auf den ersten Blick auch sein mag, so kommt sie doch der lutherischen Auffassung entgegen, die Gegenwart Christi (an der Luther festhielt und auch heute noch einige Lutheraner festhalten) werde nicht durch die Worte des Priesters, sondern durch den Glauben des Volkes bewirkt. Wenn der Priester jetzt das Knie erst beugt, nachdem er die Gestalten dem Volk gezeigt hat, kommt das der Lehre Luthers entgegen.
  • Der Wegfall vieler Kniebeugen und der meisten Segenszeichen unterdrückt den Charakter des Sakralen und des Mysteriums der Messe und fördert ihre Auffassung als bloße Gedächtnisfeier, in der Christus nur symbolisch gegenwärtig ist. Das Gleiche gilt vom Gebrauch der Landessprache und dem Wegfall des stillen Gebets des Priesters.
  • Der Volksaltar gehört zwar nicht notwendig zur neuen Messe, ist aber faktisch fast immer mit ihm verbunden. Er betont besonders den angeblichen Mahlcharakter der Messe und erweckt den Anschein, dass in der Messe nicht Gott, sondern der Mensch im Mittelpunkt stehe.

Max Thurian von Taizé, einer der sechs Protestanten, die Paul VI. eingeladen hatte, um ihre Wünsche hinsichtlich einer Reform zu äußern, sagte dann später auch: „Nichts in der erneuerten Messe braucht den evangelischen Protestanten wirklich zu stören.“5 

Wir können also festhalten, dass der neue Messritus zwar nicht ausdrücklich häretisch, aber doch protestantisierend und die Häresie begünstigend ist und daher bewirkt, dass die Gläubigen nach und nach den katholischen Glauben an das Messopfer verlieren. Ein solcher Ritus kann nicht als gut bezeichnet werden.

Die Entwicklungen des letzten Jahres sind eine neue Bestätigung dafür, dass hinter der neuen Messe eine neue Theologie steht. Nach der Freigabe der überlieferten Messe durch Benedikt XVI. entdeckten viele Priester und Gläubige diese Messe neu und lernten sie lieben. Entgegen den Erwartungen waren das nicht nur alte Leute, sondern überraschend viele junge. Dies passte den Verfechtern der neuen Theologie natürlich überhaupt nicht. Im Motu proprio von Papst Franziskus wird nun die neue Messe als „der einzige Ausdruck der lex orandi des Römischen Ritus“ bezeichnet. Die überlieferte Messe wird jetzt also nur noch in einem sehr beschränkten Maß geduldet.

Gefahr der Ungültigkeit

Wenn auch zuzugeben ist, dass viele Praktiken, die in heutigen Zelebrationen stattfinden, sich nicht auf das Messbuch Pauls VI. berufen können, so sind diese doch durch die vielen Wahlmöglichkeiten, die der neue Ritus bietet, schon irgendwie angelegt. In der Nachkonzilszeit kam es zudem zu so vielen Änderungen und Experimenten, die teilweise von den kirchlichen Autoritäten angeregt waren oder von ihnen mindestens nicht unterbunden wurden, dass man schon gesagt hat, es gebe die neue Messe gar nicht, denn fast jeder Priester zelebriert nach seinem Gutdünken, und es bleibt ihm überlassen, wie weit er sich dabei an das neue Messbuch hält oder sich davon absetzt.

Diese Experimentierfreudigkeit führt nicht selten sogar zu einer Ungültigkeit der Messe, denn die „Kreativität“ mancher Priester geht so weit, dass sie Brot verwenden, das den geforderten Bedingungen nicht entspricht, die Wandlungsworte verändern oder diese sogar auslassen.

Die Folgen

Nach dem Wort unseres Herrn können wir wahre und falsche Propheten „an den Früchten“ erkennen (Mt 7,16). Die Früchte der neuen Messliturgie sind verheerend und hätten kaum schlimmer sein können. Das war schon sehr bald zu sehen und ist heute noch deutlicher.

Die neue Messliturgie hat keineswegs eine neue Begeisterung für die Feier der Messe erweckt, sondern gerade das Gegenteil. Der Gottesdienstbesuch ist dramatisch zurückgegangen. Die Messe ist eben nichts Besonderes, nichts Geheimnisvolles und Erhabenes mehr. In Deutschland lag der Messbesuch vor der Corona-Krise noch bei etwa 10 Prozent, wobei die allermeisten Messbesucher alte Leute waren. Jetzt dürfte er nochmals um die Hälfte zurückgegangen sein. In vielen Pfarreien fehlen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen vollständig.

Aber auch die Priester lieben die Messe nicht mehr. Die erste Folge der Reform war, dass Tausende von Priestern ihren heiligen Beruf aufgaben. War es zur Zeit des Konzils noch für fast alle Priester selbstverständlich, täglich die hl. Messe zu feiern, so zelebrieren heute viele Priester gar nicht mehr, wenn sie nicht eine offiziell angesetzte Messe haben.

Oft wissen weder die Priester noch die Gläubigen, was die Messe ist. Sie meinen, die Messe sei eine Erinnerungsfeier an das letzte Abendmahl, glauben aber nicht, dass sie die Erneuerung des Kreuzesopfers ist. Auch der Glaube an die Gegenwart Christi in der Eucharistie ist in weiten Teilen der Kirche geschwunden. Viele Katholiken sehen in der Eucharistie nur ein Symbol oder heiliges Brot.

Angesichts dieses Desasters kann man es nur als tiefe Verblendung bezeichnen, wenn die Autoritäten der Kirche weiter an der Liturgiereform festhalten und ein neues Aufblühen des überlieferten Messritus mit aller Gewalt verhindern wollen.

  • 4. Kurze kritische Untersuchung des neuen ordo missae, S. 22
  • 5. La Croix vom 30. Mai 1969