Amoris Laetitia und die Moraltheologie

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Die Jesuiten-Zeitschrift „America“, gegründet 1909, ist heute eines der größten Ärgernisse im US-amerikanischen Katholizismus. Die Washington Post nannte die Monatszeitschrift „den Liebling der liberalen katholischen Intellektuellen.“ 

Seit dem Pontifikatswechsel 2013 verbindet sich ein extremer Progressismus mit einem durchschaubaren Hyper-Papalismus, der jede traditionsverhaftete Äußerung als „Franziskus-feindlich“ diffamiert.

Jüngst hat – wiedereinmal – ein Jesuit zum Sturm auf die katholischen Bastionen aufgerufen. Was ist aus der Gesellschaft Jesu im 400. Jahr der Heiligsprechung des hl. Ignatius geworden?

Pater Julio Luis Martínez Martínez wurde 1964 in der spanisch-galicischen Hafenstadt Vigo geboren. Er trat mit 18 Jahren der Gesellschaft Jesu bei. Der in den USA ausgebildete Moraltheologe wurde 1995 ordiniert und ist seit 2012 Rektor der Päpstlichen Universität Comillas in Madrid.

Er nahm als einer der Hauptredner an der vom 11. bis 14. Mai an der römischen Jesuiten-Universität Gregoriana abgehaltenen Konferenz über „Amoris Laetitia“ teil. In einem Interview mit „America“ hat er seine Hauptthesen wiederholt: Amoris Laetitia verlangt einen radikalen Wechsel in der Moraltheologie.

Das apostolische Schreiben, das Papst Franziskus im März 2016 nach den beiden Bischofssynoden zur Familie veröffentlicht hatte, habe nicht nur „den konkreten pastoralen Ansatz der Kirche zu Ehe und Familie radikal verändert“, sondern auch „neue Wege der Moraltheologie im 21. Jahrhundert geebnet.  Je umfassender der nachsynodale Text von den Seelsorgern aufgenommen werden wird, desto größere Auswirkungen wird er auf die weltweite katholische Kirche haben.

„Amoris Laetitia“ verlange „eine veränderte Erkenntnistheorie“.

Hier stelle sich „die Frage der Unterscheidung", sagte Pater Martinez. „Unterscheidung ist ein sehr wichtiges Wort in der ignatianischen Tradition."

(Martinez versucht die schon von Pius XII. verurteilte „Situationsethik“ als eine Inspiration des hl. Ignatius zu verkaufen. Eine falsche These, die durch die ständige Wiederholung vor einem mit dem geistlichen Instrumentarium des Jesuiten-Gründer nicht vertrauten Publikum nicht wahrer wird.)

Martinez behauptet in dem Interview weiter, dass es „bequemer und scheinbar sicherer ist, die aus der Vergangenheit übernommenen Wege zu wiederholen und dabei die Fragen, Widersprüche und die Suche der Gegenwart zu ignorieren. „Was nützt all das, wenn wir nicht in der Lage sind, Licht und Hoffnung in die Probleme und Leiden zu bringen, die die Männer und Frauen unserer Zeit erschüttern?“

(Martinez versucht hier in der rhetorischen Figur der „emotionalen Überwältigung“ die Anpassung der katholischen Moral an das moralische Bewusstsein des modernen Menschen.)  

Martinez weiter: Das Verständnis von Moraltheologie, das Papst Franziskus in Evangelii Gaudium (2013) und später in Veritatis Gaudium (2017) sei durch das Zweite Vatikanische Konzil eingeleitet worden, insbesondere in Gaudium et Spes (1965). Man dürfe sich aber heute nicht weiter „in den Windungen von Veritatis Splendor (1993) verlieren.“

(Hier wird man dem spanischen Jesuiten nicht in toto widersprechen. Er hätte aber anmerken können, dass der Hauptinspirator von Gaudium et Spes kein geringerer als Erzbischof Karol Józef Wojtyła war – als Johannes Paul II. der Autor von Veritatis Splendor.) 

Martinez im America-Interview: Papst Franziskus habe „die Unterscheidung in den konkreten Umständen der Ehe und des Familienlebens eingeführt, um herauszufinden, was der Wille Gottes im Hier und Jetzt ist, für mich als Person, die versucht, Christus nachzufolgen.“ „Den Schwerpunkt auf die Unterscheidung zu legen, um das Gute zu finden, ist eine wirklich neue Sache in der Moraltheologie.“ 

Durch Humanae Vitae (1968) mache Papst Paul VI. „die Praxis der Unterscheidung in Bezug auf die persönliche Moral sehr schwierig", sagte Pater Martinez und fügte hinzu, dass Papst Johannes Paul II. dasselbe durch Veritatis Splendor getan habe. Aber mit Amoris Laetitia habe Papst Franziskus den Seelsorgern die Aufgabe gestellt, „zu versuchen zu sehen, wie man die Unterscheidung in allen Bereichen des moralischen Lebens anwenden“ könne. 

„Es ist von grundlegender Bedeutung, die Knoten zu lösen, die Veritatis Splendor in der katholischen Moral“ verursacht habe, sagte Pater Martine zweiter, wobei er darauf achtete, die Schuld dafür nicht allein dem polnischen Papst zuzuschieben. 

Veritatis Splendor habe mit der Einführung des Konzepts der „in sich bösen Handlungen“ eine sehr tiefgreifende Entwicklung in der Moraltheologie eingeleitet", sagte er. Dies sei ein „umstrittenes [sic!] philosophisches Konzept, das der Moraltheologie ernste Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Weges des Dialogs und der Unterscheidung beschert“ habe.

Veritatis Splendor habe die Rolle des Lehramtes darin gesehen, "die Moral in einer sehr präzisen und sehr klaren Weise zu lehren.“ Und obwohl die Enzyklika dem Gewissen, das "die unmittelbare Norm der persönlichen Moral" sei, Bedeutung beimesse, "endet sie damit, dass sie das Gewissen gewissermaßen als eine Instanz der Person versteht, die wissen muss, was das Lehramt sagt, und dies in ihrem Leben umsetzen muss."

„Das Gewissen ist ein grundlegender Bestandteil der Moral. In der Tat kann man das Gewissen nicht ausschalten“, sagte Pater Martinez. Aber Veritatis Splendor, fügte er hinzu, „fürchtet sich sehr vor dem, was 'kreatives Gewissen' genannt wird“ und besteht darauf, dass „das Gewissen nicht kreativ sein kann. Es muss irgendwie den Regeln und Normen des Lehramtes gehorchen, insbesondere dem Lehramt des Papstes, dessen Aufgabe es ist, die Normen zu erkennen und zu formulieren, damit die Gläubigen sie kennen und befolgen können“.

Pater Martinez bezeichnete diesen Schritt als "eine Hypertrophie [eine übermäßige Größen-Entwicklung] des Lehramtes im Bereich der Moraltheologie, die während des langen Pontifikats von Johannes Paul II. stattfand.“ Das Ergebnis sei gewesen, dass das Lehramt sich zu jedem einzelnen Thema der persönlichen oder sozialen Moral geäußert habe, besonders aber zur persönlichen Moral, zur Sexualmoral und zur Gewalt." Damit sei „das Gewissen“ durch das Lehramt Johannes Paul II. geschwächt worden.

Was antworten wir Katholiken auf solche Vorwürfe auf die katholische Morallehre? 

Pius XII. hat in einer Ansprache vom 18. April 1952 die Situationsethik verurteilt und die Gründe dafür erklärt. Dieser Äußerung des Lehramtes sei hier wiedergegeben werden, denn sie vertreibt den Nebel, der heute von vorgeblichen „Moraltheologen“ geworfen wird, die ein im Grunde nominalistisches Verständnis von Autorität vertreten. 

“Das besondere Merkmal dieser [neuen] Moral besteht darin, dass sie nicht von den allgemein gültigen Moralgesetzen, wie z. B. den Zehn Geboten, ausgeht, sondern von den tatsächlichen konkreten Umständen und Bedingungen, in denen der Mensch handeln muss, und denen entsprechend das individuelle Gewissen zu wählen und zu entscheiden hat. Dieser Tatbestand ist einmalig und ist nur einmal für jede menschliche Handlung gültig. Darum kann nach der Auffassung der Anhänger dieser Ethik die Gewissensentscheidung nicht von allgemein gültigen Begriffen, Grundsätzen und Gesetzen diktiert werden. 

Der christliche Glaube gründet seine sittlichen Forderungen auf die Kenntnis der wesentlichen Wahrheiten und ihrer Beziehungen; so macht es der heilige Paulus im Römerbrief (vgl. Röm. 1,19-21)für die Religion als solche, sowohl für die christliche wie die vorchristliche: von der Schöpfung an, sagt der Apostel, ahnt und fasst der Mensch in irgendeiner Weise den Schöpfer, seine ewige Macht und seine Gottheit, und zwar mit solcher Evidenz, dass er sich verpflichtet weiß und fühlt, Gott anzuerkennen und ihn zu verehren, und dass die Vernachlässigung dieser Verehrung oder ihre Verkehrung in Götzendienst für alle Menschen und zu allen Zeiten eine schwere Schuld ist. 

Die neue, den Umständen sich anpassende Ethik ist, wie ihre Urheber sagen, im höchsten Grade „individuell“. Im Gewissensentscheid begegnet der einzelne Mensch unmittelbar Gott und entscheidet sich vor ihm ohne die geringste Dazwischenkunft irgendeines Gesetzes, einer Autorität, einer Gemeinde, eines Kultes oder einer Konfession irgendwelcher Art. Hier gibt es nur das Ich des Menschen und das Ich des persönlichen Gottes; nicht des Gottes des Gesetzes, sondern des Vater-Gottes, mit dem sich der Mensch in kindlicher Liebe vereinigen muss. So gesehen, ist der Gewissens-Entscheid also ein persönliches „Wagnis“ gemäß der eigenen Erkenntnis und Wertung in aller Aufrichtigkeit vor. Gott. Diese beiden Dinge, die rechte Absicht und die aufrichtige Antwort, sind das, worauf Gott schaut; die Handlung selber ist ihm gleichgültig. Die Antwort könnte also auch ein Austausch des katholischen Glaubens gegen andere Grundsätze, Ehescheidung, Schwangerschafts-Unterbrechung, Gehorsams-Verweigerung gegenüber der zuständigen Autorität in Familie, Kirche und Staat und vieles andere sein. 

All das soll dem Stande der „Mündigkeit“ des Menschen und in der christlichen Ordnung der Kindschaft-Beziehung vollkommen entsprechen, die uns nach Christi Lehre beten lässt: Vater unser. Diese persönliche Sicht erspart es den Menschen, jeden Augenblick untersuchen zu müssen, ob die zu treffende Entscheidung den Gesetzes-Paragraphen und abstrakten Normen und Regeln entspricht; sie bewahrt ihn vor der Heuchelei einer pharisäischen Gesetzestreue; sie bewahrt ihn ebenso vor pathologischem Skrupel wie vor Oberflächlichkeit und Gewissenlosigkeit, weil sie die ganze Verantwortung vor Gott auf dem Christen selber lasten lässt. So reden jene, die diese neue Moral predigen. 

In dieser ausdrücklichen Form steht die neue Ethik dermaßen außerhalb des Glaubens und der katholischen Grundsätze, dass selbst ein Kind, das seinen Katechismus kann, es einsehen und fühlen wird. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die neue Morallehre aus dem Existentialismus hervor gegangen ist, der entweder von Gott absieht oder ihn kurzerhand leugnet, auf jeden Fall aber den Menschen ganz auf sich selber stellt. Es kann sein, dass die gegenwärtigen Lebensbedingungen zum Versuch geführt haben, die „neue Moral“ auf katholischen Boden zu verpflanzen, um den Gläubigen die Schwierigkeiten des christlichen Lebens erträglicher zu machen. Tatsächlich werden von Millionen unter ihnen heute Festigkeit, Geduld, Standhaftigkeit und Opfersinn in außerordentliche, Maße verlangt, wenn sie ihrem Glauben unter all den Schicksalsschlägen oder inmitten einer Umwelt, die alles in Reichweite bringt, was ein leidenschaftliches Herz ersehnen und wünschen kann, vollkommen treu bleiben wollen. Aber ein solcher Versuch kann niemals gelingen. 

…Die grundlegenden Verpflichtungen des Sittengesetzes stützen sich auf das Wesen und die Natur des Menschen und seine wichtigsten Beziehungen und gelten darum überall, wo es Menschen gibt. Die Hauptverpflichtungen des christlichen Gesetzes stützen sich, soweit sie über das Naturgesetz hinausreichen, auf das Wesen der vom göttlichen Erlöser eingesetzten übernatürlichen Ordnung. Aus den wesentlichen Beziehungen zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch, zwischen den Ehegatten, zwischen Eltern und Kindern, aus den wesentlichen Beziehungen in Familie, Kirche und Staat folgt unter anderem, dass Gotteshass, Gotteslästerung, Götzendienst, Abfall vom wahren Glauben, Glaubensleugnung, Meineid, Mord, falsches Zeugnis, Verleumdung, Ehebruch, Missbrauch der Ehe, Selbstbefleckung, Diebstahl und Raub, Entziehung des notwendigen Lebensunterhaltes, Vorenthalten des gerechten Lohnes (vgl. Jak. 5,4), Beschlagnahme der zum Leben notwendigen Nahrungsmittel, ungerechtfertigte Preiserhöhung, vorgetäuschte Zahlungs-Unfähigkeit, ungerechte Spekulationen vom göttlichen Gesetzgeber aufs strengste verboten sind. Da gibt es nichts zu prüfen. Wie immer auch die persönliche Lage sein mag, es gibt keinen anderen Ausweg als den Gehorsam. 

Im Übrigen stellen Wir der „Situationsethik“ drei Überlegungen oder Leitsätze entgegen.  

Wir geben zu, dass Gott vor allem und immer die gute Absicht verlangt, aber diese genügt nicht. Er will auch das gute Werk.  

Es ist nicht erlaubt, Böses zu tun, damit daraus Gutes entstehe (vgl. Röm. 3,8). Doch diese Ethik handelt – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – nach dem Grundsatz, dass der Zweck die Mittel heilige.  

Es kann Umstände geben, in denen der Mensch und namentlich der Christ sehr wohl wissen sollte, dass er alles, sogar das Leben, opfern muss, um seine Seele zu retten. Alle Märtyrer erinnern uns daran. Und diese sind gerade in unserer Zeit sehr zahlreich. Hätten denn die Mutter der Makkabäer und ihre Söhne, die heiligen Perpetua und Felicitas trotz ihrer neugeborenen Kinder, Maria Goretti und tausend andere Männer und Frauen, welche die Kirche verehrt, entgegen der „Situation“ den blutigen Tod umsonst oder selbst fälschlich auf sich genommen? Gewiss nicht, und sie sind mit ihrem Blut die ausdrücklichen Zeugen der Wahrheit gegenüber der „neuen Moral“.