Aktuell gerät die Diplomatie des Vatikans in die Kritik

27. Juni 2022
Quelle: fsspx.news
Giovanni Maria Vian, ehemaliger Direktor des Römischen Observatoriums

Kritik an der päpstlichen Diplomatie im Ukraine-Krieg ist mittlerweile sehr stark. Diesseits und jenseits des Atlantiks reagiert man mit Unverständnis auf die eine oder andere Äusserung des Papstes. Der ehemalige Direktor des L’Osservatore Romano ist sogar der Meinung, dass die Kommunikation des argentinischen Pontifex „verwirrend“ sei. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Giovanni Maria Vian leitete elf Jahre lang die Geschicke des angesehenen L’Osservatore Romano. 2018 wurde Vian dann Opfer der großen Umstrukturierung der vatikanischen Medien, die von Papst Franziskus durchgesetzt wurde. Folgerichtigerweise ist von dem aus dem Amt entlassenen Direktor der altehrwürdigen vatikanischen Tageszeitung wohl kein übermäßiges Wohlwollen zu erwarten, wenn es darum geht, bestimmte Aspekte des derzeitigen Pontifikats zu kommentieren. Das verdeutlicht ein Interview mit der Il Foglio am 17. Juni 2022.   

Giovanni Maria Vian analysiert im Gespräch die Kommunikation des Heiligen Stuhls rund um die Ukraine-Krise. Er sieht den Ruf des Vatikans international beschädigt, weil die verantwortlichen Stellen mit einer Reihe von offiziellen Erklärungen, die „in alle Richtungen gehen“, an die Öffentlichkeit getreten sei.  Das hätte bestenfalls für Verwirrung gesorgt. 

„Zunächst“, so Giovanni Maria Vian, „betonten die vatikanischen Medien eine gewisse Verantwortung der NATO und ihre Neigung, sich zu weit nach Osten auszudehnen. Später sprach der Staatssekretär vom Recht des ukrainischen Volkes auf Selbstverteidigung, und schließlich äußerte der Papst erneut die Vermutung, dass eine [Kriegs]‚Schuld‘ auf das ‚Bellen‘ der NATO zurückzuführen sei.“ 

Auf die Frage, ob es in der Vergangenheit bereits vorgekommen sei, dass sich die Diplomatie des Heiligen Stuhls seiner Meinung nach so „widersprüchlich“ geäußert habe, antwortete der ehemalige Chef des L’Osservatore Romano: „Meines Wissens nicht.“ Und fügte hinzu: „Die Verwirrung ist beträchtlich, sie geht über den Rahmen der bloßen Kommunikation hinaus, und das Urteil der Geschichte wird alles andere als positiv ausfallen.“ 

Schließlich meint Giovanni Maria Vian:

Die argentinische Herkunft des Pontifex, sein Charakter, seine persönlichen Weichenstellungen und seine direkte und unmittelbare Art zu entscheiden und zu kommunizieren, all das hilft, die oft überraschenden Entscheidungen zu kontextualisieren. In diesen Zeiten des Krieges kann man nicht umhin zu beobachten, dass die Positionen des Papstes denen der Staaten ähneln, die man früher als ‚blockfrei‘ definierte.

Wie ein Echo auf diese harsche Kritik entlieh sich das konservative US-Medium Fox News die Worte Vians und beschuldigt den argentinischen Pontifex drei Tage später, „Verwirrung gestiftet" zu haben. Der bekannte US-amerikanische Politiker und Diplomat Francis Rooney äußerte: „Der Vatikan hat die Gelegenheit verpasst, ethische Klarheit in Russlands Krieg gegen die Ukraine zu bringen.“ 

Die Verteidiger von Papst Franziskus ließen nicht lange auf sich warten. Der Schriftsteller und Journalist Marco Politi kam in der Zeitung Il Foglio zu Wort und versuchte die Kritiker des Papstes zu demontieren. „Der Papst hat den Bann der politischen Korrektheit gebrochen, der den Ukraine-Konflikt vom ersten Moment an umgab“, erklärte er und bezog sich dabei auf eine Äußerung von Papst Franziskus, für den „der Krieg in der Ukraine nicht nach dem Schema beurteilt werden sollte, das davon ausgeht, dass es ein gutes Rotkäppchen und einen sehr bösen Wolf gibt“. 

Dem Journalisten zufolge zielt und zielte die päpstliche Kommunikation darauf ab, „das vereinfachende Märchen vom Ukraine-Konflikt zu entlarven.“ Die Erklärungen aus dem Vatikan seien „relevant“ und „alles andere als improvisiert“. Der Papst hätte das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf die Trägheit als Ursache der gnadenlosen Eskalation in diesem Konflikt gelenkt. 

Schließlich scheint der Papst seinen Widersachern beim Angelusgebet am 19. Juni selbst geantwortet zu haben: „Angesichts des Leidens eines Märtyrervolkes haben wir es nicht mit zwei politischen Aktionslinien zu tun (die sich gegenüberstehen würden), sondern es ist vielmehr die menschliche Verantwortung, die auf dem Spiel steht.“ Trotz anhaltender Knieschmerzen hat der argentinische Pontifex nichts von seiner Fähigkeit zum Tackling verloren...