Argentinien verliert den Glauben

22. Juni 2022
Quelle: fsspx.news

Der Katholizismus in Argentinien ist im freien Fall. Das verrät die Statistik. Von den ca. 45 Millionen Einwohnern bezeichnen sich fast ein Viertel als „Nicht-religiös“. Die Zahl der Katholiken rutschte seit dem II. Vatikanum (1962 – 1965) von fast 90 Prozent auf nur noch die Hälfte. 12 Prozent der Argentinier sind mittlerweile zu protestantischen Sekten übergelaufen.

Auf diese erschreckenden Zahlen machte jüngst der Vatikan-Journalist Sandro Magister in seinem Blog aufmerksam. 

Sandro Magister gilt als einer der bestinformiertesten Vaticanisti in Rom. Sein vielgelesener Blog Settimo cielo gehört zum redaktionellen Angebot des linksliberalen Nachrichten-Magazins L’Espresso. Der 1943 geborene Laientheologe lebt seit vielen Jahrzehnten in Rom. Er ist nicht nur als Journalist, sondern auch als Autor für das Fernsehen tätig. Er hat mittlerweile mehrere Bücher über die Geschichte des italienischen Katholizismus veröffentlicht. Geprägt von der nouvelle théologie berichtet er aus einer dem Pontifikat Benedikt XVI. verbundenen Perspektive auf das aktuelle Kirchengeschehen.

In seinem Blog kontrastiert er die schlechten Daten in Argentinien mit dem Kulturkampf in den USA um das Thema Abtreibung. Er stellt fest, auch heute noch seien die Katholiken in den Vereinigten Staaten „viel sensibler und empfänglicher für die Ernsthaftigkeit des Abtreibungsproblems“.

Man wird die scheinbar verbindungslose Gegenüberstellung statistischer Daten über Argentinien und die USA als Hilfe zum Weiterdenken wahrnehmen dürfen.

Sie müssen gesehen werden vor dem Hintergrund der tadelnden Äußerungen des Papstes über „restaurative Tendenzen“ im Katholizismus der Vereinigten Staaten und Andeutungen zur Rolle der USA im Ukraine-Krieg, die er jüngst in einem Interview mit einem Redaktionsnetzwerk von Jesuiten-Zeitschriften machte.

Jorge Bergoglio war von 1998 bis 2013 Erzbischof von Buenos Aires und Vorsitzender der argentinischen Bischofskonferenz. Es ist „sein“ Konzils-Katholizismus der – salopp gesprochen – gerade vor die Wand fährt.

Nicht wenige Argentinier besitzen ein ambivalentes Bild der USA, welches sich aus ganz unterschiedlichen Quellen und Beobachtungen speist. In einem durch die Schule des Peronismus und der „Theologie des Volkes“ gegangenen Jesuiten, dessen politisches Herz „links“ schlägt, wird man daher keine große Sympathie für die langsam wiedererwachenden Potenzen des Katholizismus in den USA erwarten. Da kann anscheinend auch kein Papst über seinen Schatten springen.

Pointiert gefragt: Die vielen Berufungen durch die überlieferte Liturgie in den USA scheinendem Papst keine Quelle der Freude, sondern ein Verrat am Konzil und Synodalen Prozess zu sein. Ist die wachsende pro-life-Bewegung für ihn ein Hoffnungszeichen oder vielmehr ein Hindernis eines neuen sozial-ökologischen Bewusstseins in der Kirche?

Das große Scheitern des progressiven Katholizismus wird vom Papst immer wieder als qualitative Verbesserung verkauft und jedes konservative Wachstum als Bedrohung wahrgenommen.

Sandro Magister zieht diese Schlüsse ausdrücklich nicht. Er stellt nur Zahlen gegen Zahlen.

Ein Beispiel aus seiner Aufzählung darf an dieser Stelle angeführt werden, das mutatis mutandis auch für die anderen jüngst erfolgten Kardinalserhebungen gelten kann.

Papst Franziskus haben dem Amazonasgebiet 2019 eine ganze Synode gewidmet und vor wenigen Tagen den Bischof der größten Stadt der Region, Manaus, zum Kardinal kreiert.

Sandro Magister stellt ratlos fest: „Doch, während die Kirche für den Erhalt der Natur kämpft, geht die Zahl der Katholiken kontinuierlich zurück. Heute machen sie nur noch 46 Prozent der 34 Millionen Einwohner des Amazonasbeckens aus.“