Bedrohte Meinungsfreiheit und Selbstzensur

23. Juni 2022
Quelle: fsspx.news

Eine Gruppe christlicher Bürgerrechsvereinigungen veröffentlichte vor kurzem einen Bericht, der die schädlichen Auswirkungen der christlichen Selbstzensur in allen Bereichen der westlichen Gesellschaften darstellt. Damit soll das öffentliche Bewusstsein für dieses Problem geweckt werden.

Der Bericht trägt den Titel „Perceptions on Self Censorship: Confirming and Understanding the Paralysating Effect“. Der Bericht basiert auf Untersuchungen in Frankreich, Deutschland, Kolumbien und Mexiko, die als Fallbeispiele gelten. Initiiert haben den Bericht das Internationale Institut für Religionsfreiheit (IIRF), die Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Lateinamerika (OLIRE) und die Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC Europe). 

Hintergrund der Untersuchungen waren nicht vorrangig die zunehmenden Angriffe auf die Meinungs- und Gewissensfreiheit von Christen im Westen. Diese Vorfälle waren in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher Veröffentlichungen. Weitaus wichtiger der Gruppe christlicher Institutionen, wie sich die Christen selbst zu diesem für das Christentum zentralen Thema verhalten. 

So legt der Bericht eindeutig dar, dass Selbstzensur in der christlichen Welt eine bedrückende Realität ist. Auch die große Zahl von Gerichtsverfahren, die die Meinungsfreiheit von Christen verhandeln und behandeln, sorgen nicht für Abhilfe. Laut Madeleine Enzlberger, Exekutivdirektorin von OIDAC Europe, verteidigt Rechtsprechung zwar im Großen und Ganzen immer noch die Meinungsfreiheit, doch in vielen westlichen Rechtsordnungen bewirkt der soziale Druck, dass abschreckende und zu hohe Urteile gefällt werden, obwohl dies der rechtliche Rahmen gar nicht verlangt. 

„Aufgrund des gesellschaftlichen Klimas der Intoleranz rund um Christen fühlen sich diese nicht berechtigt, frei zu sprechen. Das ist die Grundlage für die lähmende Wirkung“, erklärte Enzlberger dem National Catholic Register und fügte hinzu, dass eine wachsende Zahl von Christen über bestimmte Themen in der Öffentlichkeit zu schweigt. Das führt dazu, dass die Religion und die christlichen Werte zunehmend in den privaten Bereich verbannt werden. 

Die Formen der Meinungsselbstbeschränkung sind vielfältig und oft subtil, heißt es in dem Bericht. In den meisten Fällen reagieren Christen unbewusst. Alle Befragten halten ihr Verhalten nicht für selbstzensuriert, sondern für smart: Sie würden ihr Verhalten eher als professionell, taktisch, politisch korrekt oder einfach vorsichtig beschreiben. 

„Viele Menschen sagten, dass sie zwischen Form und Inhalt ihrer öffentlichen Äußerungen unterscheiden würden, und behaupteten, dass sich ihre Position zu Fragen der Sexualität, Bioethik oder zu COVID-Maßnahmen zwar nicht geändert habe, wohl aber ihre Formulierungen (...), ohne ihre Grundüberzeugungen zu verlieren“, sagte der Verfasser der deutschen Untersuchungen und fährt fort: „Gemessen am „Recht“ der Menschen, nicht beleidigt zu werden, ist das Risiko, sich in den Medien und in der Politik unbekümmert zu äußern, einfach zu hoch. Diese „lähmende Wirkung“ wird nach Ansicht der Autoren durch die Kultur der Annullierung (cancel culture) verstärkt, die sich in der akademischen, künstlerischen, politischen und medialen Welt ausgebreitet hat. In der Darstellung der deutschen Untersuchungsergebnisse ist zu lesen: „In Deutschland gibt es Gruppen, die […] ausgeschlossen werden, nicht wegen dem, was sie sagen, sondern nur, weil sie einen Vortrag in einer als konservativ identifizierten Kirche gehalten haben. Genauso kann der Bürgermeister, wenn ein Intellektueller oder Künstler in einer Stadt auftritt, beschuldigt werden, ihn zu unterstützen. Man muss sehr vorsichtig sein, mit wem man gesehen wird“. 

Während der Autor feststellt, dass es in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich keinen staatlichen Laizismus gibt, erklärt er, dass es in der Gesellschaft nicht einfach akzeptiert wird, wenn man praktizierender und gläubiger Christ ist: „Die Menschen werden nicht diskriminiert, weil sie einer Kirche angehören, was als ein einfaches kulturelles Element betrachtet wird, aber sobald es um den tatsächlichen Glauben geht, wenn du als gläubige Person argumentierst, wird das als Rechtsextremismus identifiziert.“ 

In Frankreich, das die ausgeprägteste Form des postmodernen Säkularismus verkörpert, scheint sich dagegen eine wachsende Spaltung zwischen den Generationen entwickelt zu haben. Auf der einen Seite gibt es eine ältere Generation, die besonders zur Selbstzensur neigt, um der vorherrschenden antiklerikalen Mentalität nicht zu missfallen, auf der anderen Seite entsteht eine neue Generation hemmungsloser und mutigerer Gläubiger, die mit einer Wiederbelebung des konservativen Denkens im Land einhergeht. 

In Mexiko und Argentinien dagegen ist besonders auffällig, dass praktizierende Katholiken eher zur Selbstzensur neigen als Christen anderer Bekenntnisse. Insbesondere Evangelikale sind hier zu nennen. Ein hohes Maß an religiöser Bildung, an Glaubensintensität spielt offenbar eine wichtige Rolle bei der Fähigkeit, dem „lähmenden Effekt“ in den untersuchten lateinamerikanischen Ländern zu widerstehen. Weshalb Bildung einerseits und Sensibilisierung für Selbstzensur andererseits die beiden wichtigsten Schlüssel zur Überwindung des lähmenden Effekts der säkularen Intoleranz sind, so die Schlussfolgerungen der Autoren des Berichts. 

Bei fast allen Befragten in allen Ländern führte die Erkenntnis, dass Selbstzensur bei Christen vorkommt, dazu, über die wahren Auswirkungen der Selbstbeschränkung und die Möglichkeiten, sie zu bekämpfen, nachzudenken. 

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Sensibilisierung der Kirchengemeinden die dringendste und wirksamste Maßnahme ist, die ergriffen werden muss.  

Mit anderen Worten: Man muss den Katholiken ihren Stolz auf die Zugehörigkeit zur Kirche unseres Herrn Jesus Christus, dem einzigen Mittel zur Erlösung, zurückgeben. Aber dazu müssten sie auch die Würde der Mitgliedschaft in Christus, die Einzigartigkeit der wahren Kirche und den unumstößlichen Wert des sozialen Königtums Christi wieder lernen. Die Verwässerung der Lehre und des Glaubens in der Ökumene und im interreligiösen Dialog sind letztlich Ursache dieser Situation.