Brief des Generaloberen an die Gläubigen in dieser Zeit der Epidemie

März 18. 2020
Quelle: fsspx.news

Brief des Generaloberen an alle in ihren Häusern eingeschlossenen Gläubigen, die wegen des Corona-Virus keinen Zugang zum allerheiligsten Altarsakrament haben.

Liebe Gläubige,

in diesem Augenblick der Prüfung, der gewiss für Sie alle schwierig ist, liegt es mir am Herzen, Ihnen diese wenigen Überlegungen zukommen zu lassen.

Wir wissen nicht, wie lange die gegenwärtige Lage dauern wird und vor allem nicht, wie die Dinge sich in den nächsten Wochen entwickeln werden. Angesichts dieser Unsicherheit ist die natürlichste Versuchung, verzweifelt nach Garantien und Erklärungen in den Kommentaren und Hypothesen der gescheitesten der „Experten“ zu suchen. Oft widersprechen sich indes diese Hypothesen, die gegenwärtig von allen Seiten vorgebracht werden und vergrößern die Verwirrung, anstatt ein klein wenig Gelassenheit zu vermitteln. Ohne Zweifel ist die Unsicherheit ein fester Bestandteil dieser Prüfung. Es liegt an uns zu wissen, wie man daraus Nutzen zieht.

Wenn die göttliche Vorsehung eine Katastrophe oder ein Übel erlaubt, so tut sie es immer mit dem Zweck, daraus ein größeres Gut zu erreichen, das direkt oder indirekt unsere Seelen betrifft. Ohne diese wesentliche Voraussetzung laufen wir Gefahr zu verzweifeln, denn eine Epidemie, eine andere Katastrophe oder welche Prüfung auch immer treffen uns immer unzureichend vorbereitet.

Was will uns Gott bei diesem Stand der Dinge zu verstehen geben? Was erwartet er von uns in dieser außerordentlichen Fastenzeit, wo er entschieden zu haben scheint, welche Opfer wir bringen sollen?

Eine einfache Mikrobe ist imstande, die Menschheit in die Knie zu zwingen. Im Zeitalter der großen technologischen und wissenschaftlichen Verwirklichungen ist es in besonderer Weise der menschliche Stolz, den sie in die Knie zwingt. Der moderne Mensch, der so stolz ist auf seine Verwirklichungen, der Kabel und optische Fasern bis auf den Grund des Ozeans verlegt, der Flugzeugträger, Atomkraftwerke, Wolkenkratzer und Computer baut, der seinen Fuß auf den Mond gesetzt hat und seine Eroberung bis zum Mars fortsetzt, dieser Mensch ist machtlos vor einer unsichtbaren Mikrobe.  Der Lärm der Massenmedien der letzten Tage und die Furcht, die wir womöglich selber haben, dürfen uns nicht daran hindern, diese tiefgreifende und für die einfachen und reinen Herzen leicht verständliche Lektion, diese Zeichen der Zeit zu verstehen. Die göttliche Vorsehung erteilt auch heute ihre Lehren durch die Ereignisse. Die Menschheit – und jeder einzelne von uns – hat die konkrete geschichtliche Möglichkeit, zur Wirklichkeit zurückzukehren, zum Realen und aus dem von Träumen, Mythen und Illusionen gestrickten Virtuellen herauszutreten.

Übersetzt in die Ausdrücke des Evangeliums entspricht diese Botschaft den Worten Jesu, der uns auffordert, mit ihm aufs Engste verbunden zu bleiben, denn ohne ihn können wir nichts tun und kein einziges Problem lösen (vgl. Joh 15,5). Unsere unsicheren Zeiten, das Warten auf eine Lösung und das Gefühl unserer Ohnmacht und unserer Schwäche müssen uns dazu anhalten, unseren Herrn zu suchen, ihn anzuflehen, ihn um Verzeihung zu bitten, mit größerem Eifer zu ihm zu beten und uns vor allem ganz der göttlichen Vorsehung zu überlassen.

Dazu kommt die Schwierigkeit und selbst die Unmöglichkeit, in freier Weise an der hl. Messe teilzunehmen, was die Härte dieser Prüfung noch vermehrt. Aber es bleibt in unseren Händen ein bevorzugtes Mittel und eine mächtigere Waffe als die Ängstlichkeit, die Unsicherheit oder die Panik, welche die Krise des Corona-Virus hervorbringen kann: Es handelt sich um den heiligen Rosenkranz, der uns mit der allerseligsten Jungfrau Maria und mit dem Himmel in Verbindung bringt.

Der Zeitpunkt ist gekommen, den Rosenkranz in unseren Häusern systematischer und mit größerem Eifer als gewöhnlich zu beten. Verlieren wir nicht unsere Zeit vor den Bildschirmen und lassen wir uns nicht durch das Fieber der Medien einfangen. Wenn wir das Eingesperrtsein hinnehmen müssen, so wollen wir unseren Hausarrest in eine Art freudige Familienexerzitien verwandeln, in deren Verlauf das Gebet wiederum den Platz, die Zeit und die Wichtigkeit findet, die es verdient. Lesen wir das Evangelium von vorne bis hinten, betrachten wir es in Ruhe, hören wir es im Frieden: Die Worte des göttlichen Meisters sind die wirksamsten, denn sie dringen leicht vor bis zum Verstand und zum Herzen.

Es ist nicht der Moment, die Welt bei uns eindringen zu lassen, jetzt, da die Umstände und die Maßnahmen der Autoritäten uns von der Welt trennen! Machen wir uns diese Lage zunutze. Geben wir den geistigen Dingen den Vorzug, die keine Mikrobe angreifen kann: Sammeln wir Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie vernichten. Denn wo unser Schatz ist, da ist auch unser Herz (vgl. Mt 6,20-21).

Ziehen wir Nutzen aus dieser Gelegenheit, um unser Leben zu bessern, indem wir uns der göttlichen Vorsehung überlassen. Und vergessen wir nicht, für diejenigen zu beten, die in diesem Augenblick leiden. Wir sollten dem Herrn all jene anempfehlen, für die der Tag des Gerichtes sich naht und ihn bitten, Erbarmen zu haben über so viele unserer Zeitgenossen, die es nicht verstehen, aus den gegenwärtigen Ereignissen die richtigen Lektionen für ihre Seele zu ziehen. Beten wir für sie, dass nach überwundener Prüfung sie nicht zum alten Leben zurückkehren, ohne etwas geändert zu haben. Die Epidemien haben immer dazu gedient, die Lauen zur religiösen Praxis zu führen, zum Denken an Gott und zum Abscheu vor der Sünde. Wir haben die Pflicht, diese Gnade für jeden unserer Mitbürger ohne jede Ausnahme zu erbitten, einschließlich – und vor allem – für die Hirten, denen der Glaubensgeist fehlt und die nicht mehr den Willen Gottes zu erkennen vermögen.

Entmutigen wir uns nicht: Gott verlässt uns nie. Verstehen wir die Worte voller Vertrauen im Herzen zu betrachten, die die heilige Mutter Kirche in Zeiten von ansteckenden Krankheiten auf die Lippen des Priesters legt: „O Gott, du willst nicht den Tod des Sünders, sondern seine Buße; sieh gnädig herab auf das Volk, das zu dir zurückkehrt, und da es dir in Treue dient, so nimm voll Milde von ihm die Geißel deines Zornes.“

Ich empfehle Sie alle am Altar dem väterlichen Schutz des heiligen Josef. Möge Gott Sie segnen!

Don Davide Pagliarani