Das Wachstum in der Gnade der Mutter Gottes

04. Dezember 2021
Quelle: fsspx.news

Im Evangelium nach Lukas heißt es, dass Jesus „an Weisheit, Größe und Gnade vor Gott und den Menschen zunahm“ (Lk. 2,52). Die Kirchenväter und Theologen weisen jedoch darauf hin, dass dieses Wachstum in Bezug auf Weisheit und Gnade nur scheinbar war.

Tatsächlich besitzt Christus vom ersten Augenblick seiner Existenz an eine Vollkommenheit der Gnade und derWeisheit, die nicht wachsen kann. Dieses “Wachsen” von dem der Evangelist Lukas spricht bedeutet, dass das fleischgewordene Wort diese Gaben in dem Maße entwickelte, wie es seinem Alter entsprach.

Christus besaß die Gnade in ihrer ganzen Fülle, ganz, so weit wie es einer menschlichen Natur möglich war, sie zu besitzen, eine größtmögliche Gnade. Ein weiterer Grund bringt die Unmöglichkeit mit sich, in der Gnade zu wachsen: die Tatsache, dass der Mensch Christus die Gabe der Seligen Schau Gottes besaß.

Wie verhält es sich mit der Jungfrau Maria?

Da die absolute Fülle der Gnade Christus eigen ist, wie es im letzen Kapitel gesagt wurde, konnte Marias Gnade zunehmen. Diese Gnade konnte in Unserer Lieben Frau bis zu ihrer Aufnahme in den Himmel immer weiter wachsen.

Aber was wir beachten müssen, ist die Vollkommenheit dieses Wachsens der Gnade in der Seele Marias. Wie P. Reginald Garrigou-Lagrange bemerkt, hat der Heilige Thomas das Prinzip dieses wunderbaren Wachstums in seinem Kommentar zum Hebräerbrief formuliert.

„Jemand könnte fragen: “Warum müssen wir immer mehr im Glauben und in der Liebe wachsen?” Das liegt daran, dass die natürliche Bewegung umso schneller wird, je mehr sie sich ihrem Ziel [von dem sie angezogen wird] nähert.“ P. Garrigou-Lagrange kommentiert diesen Text mit dem Fall von Körpern, der nach dem Gesetz der universellen Gravitation „gleichmäßig beschleunigt“ wird.

„Nun“, fährt der heilige Thomas fort, „vervollkommnet die Gnade und neigt zum Guten nach Art der Natur [wie eine zweite Natur]; daraus folgt, dass diejenigen, die sich im Stand der Gnade befinden, umso mehr in der Liebe wachsen müssen, je näher sie ihrem letzten Ziel kommen [und je mehr sie von ihm angezogen werden].“

Der heilige Kirchenlehrer behauptet also, dass bei den Heiligen die Intensität ihres geistlichen Lebens immer mehr zunimmt, je näher sie zu Gott kommen und je mehr sie von ihm angezogen werden. Dies ist in der geistigen Ordnung das Gesetz der Schwerkraft. Wie die Körper sich anziehen, je mehr sie sich einander nähern, so werden die rechtschaffenen Seelen umso mehr von Gott angezogen, je mehr sie sich ihm nähern.

Dieses immer schnellere Fortschreiten war vor allem im Leben der Allerseligsten Jungfrau auf Erden zu beobachten, denn in ihr gab es keine Hindernisse, keinen Stillstand, keine Verlangsamung, kein Verweilen bei irdischen Dingen oder bei sich selbst.

Und dieses geistige Fortschreiten in Maria war umso intensiver, je größer die Geschwindigkeit zu Beginn oder die erste Gnade gewesen war. So gab es in Maria eine wunderbare Zunahme der Liebe Gottes, eine Zunahme, von der die Zunahme der Geschwindigkeit der Schwerkraft von Körpern nur ein annäherndes Bild ist.

Man muss also feststellen, dass die Gnade der Mutter Gottes während ihres Lebens bis zur Aufnahme in den Himmel auf erhabene Weise zugenommen hat. Es ist unmöglich, sich ein vollkommeneres Wachsen in der Gnade vorzustellen. Daher ist sie das Vorbild für dieses Wachsen, wie auch für den Glauben und die Hoffnung.

Welchen Grad erreichte die Jungfrau Maria in dem Moment, als sie ihren Sohn im Himmel erreichte? Es ist sicher, dass Marias Ruhm im Himmel den aller Heiligen zusammengenommen übertraf.

Marias Verdienste wurden also immer vollkommener; ihr reinstes Herz weitete sich sozusagen immer mehr und mehr, und ihre göttliche Fähigkeit vergrößerte sich gemäß dem Wort aus Psalm 118,32: „Ich eile voran auf dem Weg deiner Gebote, denn mein Herz machst du weit.“