Der Synodale Weg auf dem Weg zu einer deutschen Nationalkirche (1)

März 04. 2020
Quelle: fsspx.news

(1) Der historische Rahmen

Mit der ersten Synodalversammlung von Ende Januar dieses Jahres hat in Deutschland der „Synodale Weg“ Schwung aufgenommen. Er gibt vielen gläubigen Katholiken Anlass zur Sorge. Um richtig zu verstehen, was dabei auf dem Spiel steht, ist es angebracht, den Gesamtrahmen des „Synodalen Wegs“ abzustecken. Dafür hat sich Kardinal Walter Brandmüller in einem auf Kath.net veröffentlichten Artikel verwendet. Dieser wird als Handlungsrahmen für den nachfolgenden Artikel dienen.

Eine uralte Versuchung

Die protestantische Krise

Kurz nach den Napoleonischen Kriegen und während der Wiener Kongress in vollem Gange war, entstand innerhalb des deutschen Katholizismus der Gedanke, eine deutschnationale Kirche ins Leben zu rufen. Doch die Pläne von Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860) hatten keinen Bestand. Auch wenn der Einfluss des Rationalismus der Aufklärung und des Josephinismus – der die Kirche dem Staat unterordnen will – als erwiesen gilt, ist es doch sicher, dass die Geister zunächst von der protestantischen Reformation geprägt worden waren.

Luther hatte es verstanden, sich auf die deutschen Fürsten zu stützen, um gegen die römische Kirche zu kämpfen. Dies hatte eine besondere Beziehung zur Staatsgewalt geschaffen, die durch das – den Augsburger Religionsfrieden (1555) leitende – Prinzip festgelegt wurde: „cuius regio, eius religio“ – wessen Land, dessen Glaube; anders ausgedrückt, der Landesherrscher bestimmt nunmehr die Religion seines Hoheitsgebiets und seiner Bewohner. Dieses Prinzip wurde durch Papst Urban VIII. nachdrücklich verurteilt, da es die geistliche Macht der zeitlichen unterwarf, und damit die Religion dem Staat.

Die Kirche der deutschen Katholiken oder deutschkatholische Bewegung

Im 19. Jahrhundert wurde von einem ehemaligen exkommunizierten Priester, Johannes Ronge (1813-1887), 1844 eine schismatische Gruppe ins Leben gerufen. Da er einen außerordentlichen Erfolg hatte, gründete er die Sekte der Neuen Katholiken, die sodann den Namen Deutschkatholiken annahm. In weniger als einem Jahr zählte die Sekte 8000 Mitglieder. Es bildeten sich Gruppen in Leipzig, Dresden, Berlin etc. Johannes Ronge erhielt die Unterstützung von Johannes Czerski, einem weiteren exkommunizierten Priester, der sowohl am Zölibat als auch am Priestertum gescheitert war. Beide formierten eine von der Autorität des Papstes unabhängige deutschkatholische Kirche.

Die Sache hielt sich jedoch nicht lange, und ab 1860 waren die meisten der Protagonisten dem Protestantismus beigetreten. Doch sie verlieh der Entstehung eines Nationalgefühls Ausdruck, das sich die Wiederherstellung einer deutschen Nation wie auch einer deutschen Nationalkirche herbeisehnte.

Das Intermezzo des Kulturkampfes

Otto von Bismarck sollte durch die Kirchenverfolgung im Namen des Kulturkampfes einen neuen Geisteszustand erwecken: Priester und sogar Bischöfe wurden inhaftiert, Mitglieder des Klerus ins Exil geschickt, die Gläubigen mussten Bußgelder entrichten, während katholische Zeitungen und Organisationen verboten wurden.

Angesichts dieser Aggression und Bedrohung sammelten sich die deutschen Katholiken um Rom und den Papst. Das Werk der Ultramontanen trug seine Früchte: eine Erneuerung der Volksfrömmigkeit, eine neue Treue dem Glauben, den Bischöfen und Papst Pius IX. gegenüber, der damals den Stuhl Petri innehatte. Der Gedanke einer nationalen Kirche schwand zugunsten der Zugehörigkeit zur Universalkirche, an der jeder Katholik weiterhin festhielt.

Die modernistische Krise

In der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die Theologie in Deutschland unter dem Druck des deutschen Idealismus eine verhängnisvolle Entwicklung durch. Diese subjektivistische und evolutionistische Philosophie brachte die Auffassung von der Religion als einer Hervorbringung des Bewusstseins mit sich. Empfänglich für Veränderungen, unterminierte sie das Depositum des Glaubens, der die übernatürliche unveränderliche und unwandelbare Offenbarung in sich birgt.

Diese Wende im Denken wurde vom heiligen Papst Pius X. energisch bekämpft und verurteilt, insbesondere durch die Enzyklika Pascendi und das Motu proprio Sacrorum Antistitum, das den Antimodernisteneid vorschrieb. Jeder Priester musste ihn ablegen, bevor er ein Amt, insbesondere in den Seminaren, übernahm. Kardinal Brandmüller hebt dabei einen verkannten Gesichtspunkt hervor: Viele deutsche Theologieprofessoren verweigerten dem Papst den Gehorsam und leisteten den Eid nicht. Sie beriefen sich – schon damals! – auf die volle Freiheit von Forschung und Lehre, deren Verlust sie der Verachtung der akademischen Welt ausgesetzt hätte.

Diese nicht behobene Krise, die infolge der beiden Weltkriege weiter vor sich hinschlummerte, tauchte in der unmittelbaren Nachkriegszeit in einer neuen Form auf. Die Geisteshaltungen waren bereit zu einer Revolution. Bereits unter Pius XII. war der Widerstand gegen die päpstliche Lehre unter den Theologen und den Professoren im Seminar gang und gäbe. Der junge Joseph Ratzinger bescheinigte den eisigen Empfang, den die Enzyklika Humani Generis über die falschen Ansichten, welche die Grundlagen der katholischen Lehre zu untergraben drohen, sowie die Verkündigung des Dogmas von der Himmelfahrt Mariä von 1950 im Freisinger Seminar erfuhr.

Das Konzil und das Post-Konzil

Wie es der Titel des Buches von Pater Ralph Wiltgen zum Ausdruck bringt – Der Rhein fließt in den Tiber –, war das Zweite Vatikanische Konzil stark von den deutschen modernistischen Theologen beeinflusst – ohne jedoch dabei die Franzosen, die Belgier oder die Holländer zu vergessen oder aus ihrer Verantwortung zu entlassen.

Die Ablehnung der Enzyklika „Humanae Vitae“

Nach dem Konzil beschleunigte sich der Verfall der Moraltheologie so rapide, dass die Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. über die Ehe und Geburtenregelung zu vehementen Protesten auf dem Katholikentag führte, auf dem katholischen Kongress, der im September 1968 stattfand und auf dem das ZdK auffiel – das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das aktive Laien aus zahlreichen Verbänden unfasst.

Die Hierarchie, die sich gegen die Enzyklika aussprach, begnügte sich damit, das Wort von Papst Paul VI., der die künstliche Empfängnisverhütung ablehnte, zu relativieren. Kardinal Julius Döpfner fügte der moralischen Kapitulation noch einen Amtsmissbrauch hinzu. Er hielt nämlich die Briefe von Kardinal Alfred Bengsch zurück, dem Erzbischof von Berlin, der sich im Namen der Bischöfe der DDR zu Wort meldete und forderte, dass die römische Enzyklika befürwortet und verteidigt werde.

Doch stattdessen verfassten die Bischöfe der BRD die Königsteiner Erklärung, die den Ehegatten die Gewissensentscheidung in Bezug auf den Gebrauch von Verhütungsmitteln überließ. Keinem Papst gelang es, den deutschen Episkopat zum Nachgeben zu bringen, der sich über den, dem obersten Lehramt geschuldeten Gehorsam hinwegsetzte.

Die Würzburger Synode

Das Zweite Vatikanische Konzil und mit ihm Papst Paul VI. ermunterten zu einem allgemeinen „Aggiornamento“ der Kirche, das heißt zu einer Aktualisierung, zu einer Anpassung an die Moderne. Zu dieser kam es bei Reformsynoden in den Diözesen; seit dem Konzil gab es davon nicht weniger als 1000!

Die Einsetzung von Diözesansynoden ist natürlich nichts Neues. Sie hat der Kirche bemerkenswerte Dienste geleistet. Doch die nachkonziliaren Synoden hatten als Besonderheit, die Laien an den Debatten teilhaben zu lassen und ihnen sogar ein Wahlrecht einzuräumen.

Die Würzburger Synode war eine „gemeinsame Synode der Diözesen von Deutschland“. Im Jahr 1969 einberufen, fand sie zwischen 1971 und 1975 in acht Sitzungen in einer Atmosphäre des Bruches mit der synodalen Tradition der Kirche statt. Sie war eine National- und keine Diözesanversammlung, ein wenig so wie ein nationales Konzil, zu dem die Laien in gleicher Anzahl wie die Bischöfe und die anwesenden Priester eingeladen wurden. Ihre Statuten wurden vom Heiligen Stuhl genehmigt …, obwohl sie in einer offen antirömischen Atmosphäre stattfand. Die Spannungen und Schwierigkeiten verstärkten sich, sodass der Theologe Joseph Ratzinger und Monsignore Karl Forster, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, die Synode zum Zeichen des Protests verließen.

Die Kölner Erklärung

Ein anderer bezeichnender Fakt, der die weiterhin bestehende Versuchung zu einer nationalen Unabhängigkeit der Kirche Deutschlands zum Ausdruck brachte, war die Reaktion, die durch die Ernennung von Kardinal Joachim Meisner – eines der konservativsten unter den deutschen Bischöfen – an die Spitze des Erzbistums Köln ausgelöst wurde. Am 6. Januar 1989 forderten 163 Theologen aus dem deutschen Sprachraum, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden, die Eröffnung einer Debatte in der Kirche über die Bischofsernennungen, die Missio Canonica - die kirchliche Lehrerlaubnis - und die lehramtliche Autorität des Papstes. Hier traten etliche bedeutende Theologen auf: Edward Schillebeeckx, Johann Baptist Metz, Hans Küng oder auch Bernhard Häring. Ihnen schlossen sich 130 französische, 23 spanische, 63 italienische und 52 belgische Theologen an.

Die Unterzeichner waren beunruhigt, dass Johannes Paul II. Bischöfe ernennen konnte, ohne sich an die Empfehlungen der Ortskirchen zu halten; außerdem beklagten sie die Weigerung Roms, Theologen, die im Dissens zur Kirche standen, unterrichten zu lassen; die Art, mit der der Papst seine lehramtliche Kompetenz „in unzulässiger Weise geltend zu machen und zu überziehen versucht“, fanden sie untragbar. Insbesondere geriet dabei die Verurteilung der künstlichen Empfängnisverhütung im Visier.

Die außer Kontrolle geratenen Laienbewegungen

Gleichzeitig mit diesem disziplinären und doktrinären Verfall waren die meisten katholischen Organisationen abgedriftet und wandten sich allen möglichen Arten schlechter Dinge zu, wie etwa der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der vom Marxismus unterwandert wurde – doch dieses Phänomen betrifft nicht nur Deutschland. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hörte seinerseits nicht auf, immer weniger deutlich katholische Positionen einzunehmen.

Unter den Laieninitiativen ist der 1995 in Österreich gestartete und in Deutschland aufgegriffene „Aufruf an das Volk Gottes“ zu nennen. Dieser Aufruf forderte die Gleichheit zwischen Klerikern und Laien, die Mitsprache der Gläubigen bei der Ernennung von Bischöfen, die Öffnung des Diakonats und des Priestertums für Frauen, die Abschaffung des Priesterzölibats, die Lockerung der Disziplin in allen Fragen der Moral, besonders bei der Empfängnisverhütung und der Homosexualität. Diese Forderungen wurden auf globaler Ebene in der Bewegung „Wir sind Kirche“ zusammengeführt, die die gleichen Forderungen in etwa 15 Ländern, vor allem in Europa, aber auch in Brasilien und den Vereinigten Staaten, verfolgte.

Der Synodale Weg

Dieser Überblick ist notwendig, um die Entscheidung des deutschen Episkopats zu verstehen, einen Synodalen Weg einzuleiten. Der Geist, der ihn inspiriert, ist Erbe einer starken Tendenz, die – beträchtlich gesteigert durch die Konzilsrevolution – die Kirche in Deutschland in einen nationalen Partikularismus führt, der die katholische Einheit zerstört.

Fortsetzung folgt.

(Quelle : FSSPX - FSSPX.Actualités)

Aus dem Französischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt