Der Synodale Weg auf dem Weg zu einer deutschen Nationalkirche (6)

17. Mai 2020
Quelle: fsspx.news

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) leiteten am Sonntag, den 1. Dezember 2019, einen „Synodalen Weg“ ein. Die vorhergehenden Artikel zeigten, dass seine Grundlagen irregeleitet und die vom ZdK verfolgten Ziele revolutionär waren.

Bevor Benedikt XVI. in die Debatte über die Fundamente des Synodalen Weges – wie sie von der DBK und dem ZdK verstanden werden – eingriff, hatte er in einer Rede, die er am 24. September 2011 vor dem Rat des ZdK anlässlich einer Apostolischen Reise in sein Heimatland (22. bis 25. September 2011) hielt, die Mängel des zeitgenössischen deutschen Katholizismus, und insbesondere des Handelns des ZdK konstatiert.

Begegnung mit den deutschen katholischen Laien

In dieser Rede verwendete Benedikt, der ja noch Papst war, als Leitmotiv den „Weg des Eintauchens“. Dieses Konzept bedeutet, dass diejenigen, die in verschiedenen Bereichen an der Entwicklung mitwirken, das Leben der Armen, oftmals in Afrika, in Asien oder sogar in Europa, teilen. Diese Erfahrung ermöglicht, Lehren zu ziehen, was in den Industrieländern schwieriger wäre.

Doch, so fuhr der Heilige Vater fort, wenn man dieses Programm in Deutschland durchführte, dann würden die Teilnehmer sicher vieles bewundern: „den Wohlstand, die Ordnung und die Effizienz“; aber sie würden auch viel Armut in den menschlichen Beziehungen und im religiösen Bereich feststellen. Diese Armut ist das Ergebnis eines diffusen Relativismus, der einen ungezügelten Individualismus hervorruft.

Und so fügte der ehemalige Papst, ein scharfsinniger Kenner der katholischen Realität in seinem eigenen Land, treffsicher hinzu: „In Deutschland ist die Kirche bestens organisiert. Aber steht hinter den Strukturen auch die entsprechende geistige Kraft – Kraft des Glaubens an den lebendigen Gott? Ich denke, ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt. Und ich füge hinzu: Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben“.

Diese Zeilen beschreiben das ZdK gut: als einen imposanten Apparat – der über ein Haushaltsbudget von 2,5 Millionen € verfügt – sowie als einen bedeutenden Repräsentanten aufgrund von Persönlichkeiten, aus denen er sich zusammensetzt, und wegen ihrer Verbindungen zu den politischen Parteien. Doch der Glaube ist anscheinend nicht vorhanden, wie es die Forderungen des ZdK demonstrieren, um am Synodalen Weg teilzunehmen (siehe unseren Artikel).

Die Reaktion des emeritierten Papstes auf die Missbrauchskrise

Am 11. April 2019 veröffentlichte der ehemalige deutsche Papst einen Text, in dem er sich über die Krise der Missbräuche an Minderjährigen äußerte, die die Ursache der Entscheidung der DBK war, den Synodalen Weg einzuleiten. Die Analyse der Genese dieses Ereignisses ermöglicht ein besseres Verständnis der Motivationen von Benedikt XVI. Dieser Text wurde bereits auf der Seite FSSPX.Aktuell vorgestellt. Sein Inhalt sollte ins Gedächtnis zurückgerufen werden.

Die Ermittlung der Ursachen

Dieses Dokument beginnt mit einer Suche nach den Ursachen, die am Anfang der Missbrauchskrise standen, wie sie Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre – ein privilegierter Beobachtungsposten – analysieren konnte. Seine Analyse bildet einen scharfen Kontrast zu der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene MHG-Studie wie auch zu anderen Darstellungen, die insbesondere anlässlich des von Papst Franziskus im Februar 2019 einberufenen Gipfels in Rom angefertigt werden konnten.

Die erste Ursache beruht auf dem sozialen Kontext der sexuellen Revolution: „in den 60er Jahren [ist] ein ungeheuerlicher Vorgang geschehen (…), wie es ihn in dieser Größenordnung in der Geschichte wohl kaum je gegeben hat. Man kann sagen, dass in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind“. Und er erinnert dabei an die pansexuellen Forderungen und die Förderung der Pädophilie.

Eine zweite Ursache steht im Zusammenhang mit der Revolution der Moraltheologie und der Kirchenlehre im Bereich der Sitten. Benedikt XVI. schreibt: „Bis hin zum II. Vaticanum wurde die katholische Moraltheologie weitgehend naturrechtlich begründet, während die Heilige Schrift nur als Hintergrund oder Bekräftigung angeführt wurde. Im Ringen des Konzils um ein neues Verstehen der Offenbarung wurde die naturrechtliche Option weitgehend abgelegt und eine ganz auf die Bibel begründete Moraltheologie gefordert“. Ein bedeutendes Eingeständnis: Das Konzil ist verantwortlich für die Aufgabe des Naturrechts. Daher die unzähligen Missstände des moralischen Relativismus.

Ein dritter Grund schließlich findet sich in der Ablehnung des Lehramts der Kirche, das im Bereich der Sitten nicht mehr als unfehlbar anerkannt wird. Was darauf hinausläuft zu meinen, dass die „Kirche keine eigene Moral hat und diese auch nicht haben kann“. Fortan ist alles – oder nahezu alles – möglich.

Die Auswirkungen, die aus diesen Ursachen folgen: katastrophale Brüche

Für den früheren Papst haben diese Ursachen, auf die er aufmerksam machte, zu drei entscheidenden Brüchen geführt.

Zu einem Bruch der Ausbildung in den Seminaren: „Bei dem Problem der Vorbereitung zum priesterlichen Dienst in den Seminaren ist in der Tat ein weitgehender Zusammenbruch der bisherigen Form dieser Vorbereitung festzustellen“. Durch diesen Bruch in der Ausbildung wurde es möglich, dass sich „in verschiedenen Priesterseminaren (…) homosexuelle Clubs [bildeten], die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten“.

Zu einem Bruch bei der Auswahl und Ernennung der Bischöfe: In diesem Klima des moralischen Zusammenbruchs bekennt Joseph Ratzinger, dass die Durchsetzung des Konzils die Konsequenz hatte, dass in der Hierarchie der Kirche für ihre Aufgaben unzureichend ausgebildete Hirten befördert wurden. Konkret heißt das: „Als Kriterium für die Ernennung neuer Bischöfe wurde nun vor allen Dingen ihre ‚Konziliarität‘ angesehen, worunter freilich sehr Verschiedenes verstanden werden konnte. In der Tat wurde konziliare Gesinnung in vielen Teilen der Kirche als eine der bisherigen Tradition gegenüber kritische oder negative Haltung verstanden“.

Zu einem Bruch bei der kirchenrechtlichen Gesetzgebung: Hier spricht Benedikt XVI. die Frage der Pädophilie und der unzureichenden - vom neuen, 1983 promulgierten Kirchenrecht bereitgestellten - Strafmaßnahmen unmittelbar an. Diese Passage ist besonders lehrreich: „Die Frage der Pädophilie ist (…) erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre brennend geworden“. Die Bischöfe „[suchten] in Rom Hilfe (…), weil das Kirchenrecht, so wie es im neuen Kodex verfasst ist, nicht ausreichend schien, um die nötigen Maßnahmen zu ergreifen“.

Die Ursache für diese Schwachheit bestand darin: „Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als ‚konziliar‘ galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mussten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloss. Als Gegengewicht gegen die häufig ungenügende Verteidigungsmöglichkeit von angeklagten Theologen wurde nun deren Recht auf Verteidigung im Sinn des Garantismus so weit ausgedehnt, dass Verurteilungen kaum noch möglich waren.“ Diese in das Recht eingefügte und bewusst gewollte Schädigung der Justiz hat in der Tat, wie in der Sache, zur Schonung der Missbrauchstäter geführt.

In einem dritten Teil schlägt Benedikt XVI. Lösungen vor.

Eine mutige Diagnose

Der Text ist mutig und stellt eine viel bessere Diagnose über die Missbrauchskrise als die MHG-Studie. Er bleibt aber deshalb unzulänglich, weil er sich eher an den Symptomen des Übels festmacht als an dessen vergifteter Quelle: dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seiner Anpassung an die Welt. Dennoch hat er das Verdienst, auf drei selten erwähnte Aspekte hinzuweisen:

- Das Problem der Missbräuche hat sich, auch wenn es kein neues ist, in der Zeit nach dem Konzil verstärkt. Das Konzil hat das Problem auf zweifache Weise verschuldet: indem es die Schranken niedergerissen hat, die die Glaubens- und Sittenlehre schützten; und indem es eine schuldhafte Laxheit herbeiführte in der Auswahl, der Ausbildung und dem Schutz priesterlicher Berufungen und des Klerus– und dies, obwohl die Gesellschaft zunehmend permissiver wurde.
- Der Geist des Konzils und die Kirchenrechtsreform machten die Bestrafung der Täter durch die Verhängung gerechter Sanktionen schwerer. Gesetze, die mehr oder weniger angewandt wurden, gab es schon vorher, doch sie wurden nun durch unzulängliche Rechtsvorschriften ersetzt, die von der Obrigkeit selbst umgangen werden mussten.
- Die Irrtümer über die Kirche, ihr Lehramt, ihr Gesetz und ihre göttliche Einsetzung bewirken und ermöglichen all die Abweichungen, von denen die Kirche heute heimgesucht wird.

Die diabolische Waffe des Synodalen Weges

Diese Feststellungen erlauben es, ein Urteil über die Genese und die vom Synodalen Weg in Deutschland angekündigten Zielsetzungen zu fällen.

Seine Prämissen sind falsch. Mit der MGH-Studie demonstrieren zu wollen, dass die Missbräuche eine Konstante in der Kirche sind und dass sie somit mit der Struktur selbst des mystischen Leibes, der die Kirche ist, verbunden sind, ist ein Betrug. Das Problem besteht vor allem im Mangel an Heiligkeit innerhalb des Klerus. Sicherlich hat die Kirche auch andere Zeiten durchgemacht, in denen diese Heiligkeit auf grausame Weise gefehlt hat. Diese Zeiten des Niedergangs des Klerus fanden im Allgemeinen dank der Reformkonzilien ein Ende, die die Glaubenslehre, die Frömmigkeit und die Disziplin wiederherstellten, während die Vorsehung für heilige Bischöfe und heilige Priester sorgte, um den Weg der Erneuerung aufzuzeigen. Demgegenüber ist der Frühling der Kirche, den das Zweite Vatikanische Konzil angekündigt hatte, weit entfernt, und die Krise des Klerus hat sich verschlimmert wie nie zuvor.

Der Synodale Weg wendet revolutionäre Mittel an. Die dreifache Macht in der Kirche beruht auf dem Lehramt (Unterweisung), dem Weiheamt (Heiligung) und der Jurisdiktion (Erlass von Gesetzen und Verurteilung von Verstößen). Durch den Willen Gottes sind sie, wie es die Offenbarung lehrt, im Bischof vereint, und in ihrer höchsten Macht im Papst. Sie sind daher nicht voneinander zu trennen, auch wenn manche Oberen nur die eine oder andere ausüben können. Deshalb steht es den Laien nicht zu, in Bezug auf den Glauben oder die Sitten zu urteilen und zu entscheiden.

Schließlich sind die Ziele des Synodalen Weges, wie sie vom ZdK als Voraussetzung für die Teilnahme an ihm angegeben wurden, mit dem katholischen Glauben unvereinbar. Die dreifache Macht aufteilen oder das Priestertum an Frauen verleihen zu wollen, ist absolut unmöglich. Schon die Behauptung, dass diese Fragen noch offen sind, bedeutet, dem Irrtum zu verfallen.

Dieser „Weg“ entspringt der Häresie, und er führt in die Häresie. Er dokumentiert, dass die Kirche von Deutschland sich bereits im Schisma befindet, und dass sie das Vorrecht anerkannt haben möchte, in ihm zu verbleiben, während sie gleichzeitig versucht, denjenigen ein Beispiel zu geben, die versucht sein sollten, ihr zu folgen. Bleibt die Frage, was Franziskus, der oberste Hirte, für diese Irregeleiteten tun wird.

Fortsetzung folgt…