Der Synodale Weg auf dem Weg zu einer deutschen Nationalkirche (7)

03. Juli 2020
Quelle: fsspx.news

(7) der Brief von Franziskus.
Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) leiteten am Sonntag, den 1. Dezember 2019, einen „Synodalen Weg“ ein. Die vorhergehenden Artikel zeigten die revolutionäre Absicht, welche die vom ZdK unterstützte DBK antreibt. In Rom hat diese Situation Unruhe hervorgerufen. In diesem Kontext hatte sich Papst Franziskus am 29. Juni 2019 zu Wort gemeldet.

Papst Franziskus hat einen Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland verfasst, dessen Originaltext auf … Spanisch ist. Der Grund dafür ist, dass der Papst nicht die üblichen Kanäle durchlaufen hat: der Staatssekretär hat von der Existenz dieses Briefes erst im Augenblick seiner Veröffentlichung erfahren.

Eine Novität im Kielwasser des Zweiten Vatikanum

Der Ausdruck „synodale Kirche“ ist eine Novität. Um ihn zu verstehen, muss untersucht werden, was die neue Ekklesiologie oder Theologie der Kirche im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils eigentlich ist und wie sie von Papst Johannes Paul II. dargelegt wurde.

Vor dem Konzil

Die klassische Ekklesiologie ist insbesondere in der Kontroverse mit den Protestanten verwurzelt. Entgegen der unsichtbaren Kirche der Gerechten (Luther) oder der Prädestinierten (Calvin) erinnert der heilige Robert Bellarmin an die Dimension der Kirche als sichtbare Gesellschaft, die sich durch die drei Bande des Glaubens, der Sakramente und der Unterordnung unter den Papst aufbaut. Er betont einen inneren Aspekt für diejenigen, die sich im Stand der Gnade befinden, den er mit der Seele im Gegensatz zum Leib – dem äußeren und sichtbaren Aspekt – vergleicht.

Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870) war ein Schema über die Kirche vorbereitet worden, das jedoch aufgrund des Krieges gegen den Kirchenstaat nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Sein Inhalt ist suggestiv: 1) Die Kirche ist der mystische Leib Christi; 2) Die Kirche ist eine wirkliche, vollkommene, spirituelle und übernatürliche Gesellschaft; 3) Die Kirche ist eine sichtbare Gesellschaft. Die Lehre von der Kirche als Gesellschaft wurde daher allgemein anerkannt. Die überaus traditionelle Vorstellung vom mystischen Leib schien darüber hinaus besonders geeignet zu sein, das Mysterium der Kirche zu beschreiben.

Der darauffolgende Zeitraum ermöglichte die Entfaltung der Lehre vom mystischen Leib. Papst Leo XIII. machte von ihr in seiner Enzyklika Satis cognitum (1896) Gebrauch. Die Enzyklika Mystici Corporis von Pius XII. (1943) möchte die „außergewöhnliche Erhabenheit dieser Wahrheit“ und die Notwendigkeit, sie zu vertiefen, rühmen. Doch die progressistische Strömung versucht, aus den traditionellen Schemen auszubrechen und eine Änderung in der Glaubenslehre voranzutreiben, was die Ausarbeitung neuer Ausdrucksweisen erforderlich macht.

Die Progressisten meinen, dass die Kirche als Gesellschaft und die Kirche als Leib Christi den Bedürfnissen einer überholten Epoche entsprechen. Die „ekklesiologische Verengung des 17. und 18. Jahrhunderts“ 1 hätte die Rolle des Heiligen Geistes verkannt, eine Inflation der hierarchischen Funktion bewirkt und eine Klerikalisierung verursacht. In einem Wort: das Volk wäre passiv geworden, während das Handeln der Kirche ausschließlich und unberechtigterweise auf dem Klerus beruhte.

In diesem Sinne tauchte in den Vierzigerjahren der Ausdruck vom „Volk Gottes“ auf. Er basiert zwar sicherlich auf der Heiligen Schrift und dem Gebrauch, den die Kirchenväter und die Liturgie von ihm machen. Doch obwohl die Enzyklika von Pius XII. ihn an keiner Stelle erwähnt, entwickelt sich der Begriff weiter und erfährt einen außerordentlichen Erfolg, da er mit seiner Epoche im Einklang zu stehen scheint, die von der Demokratie und dem Marxismus geprägt wird.

Weitere Möglichkeiten werden geprüft, um „die schweren Nachteile der klassischen Abhandlungen“ hinter sich zu lassen: den Nachteil, „die Kirche auf ihre Hierarchie zu reduzieren, den Nachteil, die Strukturen zu überschätzen und die Christen als ‚Untertanen‘ zu überfahren und den Nachteil, die Institution und ihre Fortschrittsfeindlichkeit zu sakralisieren“ 2. Somit wird das Konzept vom Sakrament erweitert, um in der Kirche den Zusammenhang zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem zum Ausdruck zu bringen. Oder auch das Konzept der Kommunion, das Möglichkeiten bietet, um den ökumenischen Dialog zu begründen. Dies ist auch die Absicht des Buches Mission et unité. Les exigences de la communion von Pater Le Guillou (1960): „Eine Studie der Ekklesiologie der - vor dem Schisma in Orient und Okzident gemeinsamen – Kommunion wird uns ermöglichen (…) die Prinzipien einer katholischen Ekklesiologie im Dienste der Ökumene herauszuarbeiten“.

Auf dem Konzil

Die Konzilsväter verwarfen die meisten der von der Kurie vorbereiteten Schemata. In der neuen Konstitution Lumen Gentium (LG) über die Kirche wird der Begriff vom mystischen Leib nicht nur einfach beseitigt, sondern das Volk Gottes wird zum Eckstein eines ekklesiologischen Wiederaufbaus werden: der Begriff kommt im Text dreiunddreißig Mal vor und findet sich in elf der 16 auf dem Zweiten Vatikanum promulgierten Dokumente wieder.

Die Neuerer entdecken hierin zahlreiche Vorteile: die Fortführung mit dem Volk Israel – daher auch die im Dekret Nostra Aetate enthaltenen Neuerungen über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen –; die Anpassung an die moderne Geisteshaltung eines Volkes, das sich fortan als erwachsen und mündig versteht; die Darstellung eines Volkes „auf dem Weg zum Heil“; das Überschreiten des Unterschieds zwischen Klerus und Laien; die Weiterentwicklung des Priestertums der Gläubigen, denn es ist das Volk, das priesterlich ist; die Aufwertung der Laien; die Konkretisierung der verschiedenen Beziehungen zwischen den Menschen und der Kirche, die eine neue Ökumene ermöglicht.

„Die Einführung des Begriffs vom Volk Gottes im Mittelpunkt der erneuerten Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils ist in gewisser Weise revolutionär“, frohlockt ein Autor 3. Im Vergleich dazu taucht der Begriff der Kommunion nur in Lumen Gentium, in Unitatis redintegratio - dem Dekret über den Ökumenismus - und in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes auf. Er macht es möglich, einen neuen, nicht-traditionellen Ausdruck zu prägen: den der hierarchischen Gemeinschaft, die zweimal in LG auftaucht.

Nach dem Konzil

Der Begriff vom Volk Gottes schien daher als Eckstein der neuen Ekklesiologie angebracht zu sein, doch seine Umsetzung dahingehend war mühsam. Die Konzilslehre ist bunt zusammengewürfelt, und einige, wie Kardinal Godfried Daneels, Primas von Belgien, bedauerten, dass das Konzept vom Volk Gottes „in einem ideologischen Sinne definiert“ 4 sei. Die Theologen wandten sich dann dem Begriff der Communio zu. Es war der Wendepunkt der Synode von 1985, die bekräftigte, „dass die ‚Communio‘-Ekklesiologie die zentrale und grundlegende Idee der Konzilsdokumente ist“. Die aus Anlass des 20. Jahrestages des Abschlusses vom Zweiten Vatikanum einberufene Synode machte es sich zur Aufgabe zu erklären, worin diese Communio bestand.

Die ekklesiologische Neuinterpretation der Synode von 1985 eröffnet eine „neue postkonziliare Zeit“. Denn am Vorabend dieser wichtigen Versammlung hatte die Internationale Theologische Kommission (ITK) ein langes Dokument über die Ekklesiologie mit dem Ziel vorgelegt, wieder die Oberhand über die extremsten Interpretationen zurückzugewinnen. Während die Begriffe vom Volk Gottes und der Kirche als Sakrament hierin stark weiterentwickelt sind, taucht die Communio gleichsam gar nicht auf. Dennoch wird sie neu definiert.

Pater Benoît-Dominique de la Soujeole deutet sie wie folgt: „Die Communio-Ekklesiologie, wie sie sich heute darstellt, übernimmt eine alte und lange Tradition. Aber sie trägt eine neue Forderung moralischer Ordnung in sich, über die sich die Tradition nicht bewusst gewesen war – die Forderungen nach der Freiheit als Selbstbestimmung –, und dies sollte bis zu diesem Zeitpunkt ungeahnte Konsequenzen im kirchlichen Leben mit sich bringen. Der heutzutage auf die Synodalität auf allen Ebenen des Lebens der Kirche gelegte Akzent, ein Begehr, das die erforderliche Teilnahme aller Glieder am Leben des ganzen Leibes zum Ausdruck bringt, konnte nicht als eine der Früchte der Rückkehr zur traditionellsten Ekklesiologie und nahe an den Anfängen des Christentums interpretiert werden; es ist eine Neuerung der heutigen Zeit, die dazu verpflichtet, das kirchliche Leben umfassend zu überdenken, und die diesem ein bis jetzt weitgehend unbekanntes Antlitz verleihen wird. Unter diesem Aspekt ist das Zweite Vatikanum kein End- sondern ein Ausgangspunkt, und es scheint eindeutig, dass die Reflexion über dieses Thema sich erst an ihrem Anfang befindet“ 5.  30 Jahre später sind die Überlegungen dazu herangereift.

Die Synodalität im Sinne von Franziskus

Als die ITK das Denken des Papstes in einem Text vorstellte, schrieb es im Jahr 2018: „Auch die Herausbildung eines neuen Klimas in den ökumenischen Beziehungen mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie einer aufmerksameren Unterscheidung bezüglich der Anliegen des modernen Bewusstseins zur Teilhabe aller Bürger an der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten bringen eine erneuerte und vertiefte Erfahrung und Präsentation des Amtes der Kirche in seiner inneren synodalen Dimension mit sich“.

Franziskus beharrt auf der Synodalität auf allen Ebenen, die er auf drei reduziert: die Teilkirchen; die Kirchenprovinzen und Kirchenregionen; und die Weltkirche. Der Papst beschreibt die „Organismen der Communio“ ausführlich, die es auf jeder Ebene ermöglichen, die „synodale“ Kirche zu verwirklichen: viele davon sind neuere Kreationen, wie der Pastoralrat, die Bischofskonferenzen oder die Bischofssynode. Diese Vervielfachung an Systemen führt zu einer Überfülle an Beratungen, Austausch, Berichten und Sitzungen. Ziel ist es, einen Konsens zu erreichen, der ja auf unzulässige Weise auf den sensus Ecclesiae zurückgeführt wird.

Diese Dynamik führt zudem zu einer Abstimmungskultur. Der Entschluss per Abstimmung hat in der Kirche freilich seit jeher existiert, ob es sich nun um eine Papstwahl handelt, um die Stellungnahme bei Allgemeinen oder Partikularkonzilen oder um die Wahl der Oberen in den Orden und religiösen Instituten. Doch blieb dies begrenzt. Heute ist die Abstimmung zu einem Instrument der Communio geworden. Ob nun beratend oder beschließend – die Abstimmung ist grundlegend für die synodalen Sitten, für die sie einen verpflichtenden Vollzug darstellt. Auch wenn man sich dagegen wehrt, führt die Communio doch langsam aber sicher zu einer tiefgreifenden Demokratisierung der kirchlichen Institutionen.

Pater de La Soujeole sagte 1998 völlig zurecht: „Wenn man der sozialen Natur der kirchlichen Communio stattgeben will, kann man es nicht ablehnen, die gegenwärtige Forderung nach Demokratie im Leben der Kirche zu überdenken. (...) Unter den sich als günstig erwiesenen Entwicklungen kann das richtig verstandene demokratische Ideal helfen, die Anforderungen der theologalen Communio in Bezug auf Teilhabe, Verantwortung und Dialog besser zu verstehen – und sie dadurch besser zu leben“ 6.

  • 1. Jan Grooters, « Peuple de Dieu » in Catholicisme, t. XI, Letouzey et Ané, Paris, 1988.
  • 2. Jan Grooters, « Peuple de Dieu » in Catholicisme, t. XI, col. 107, Letouzey et Ané, Paris, 1988.
  • 3. Jan Grooters, « Peuple de Dieu » in Catholicisme, t. XI, col. 119, Letouzey et Ané, Paris, 1988.
  • 4. Rapport introductif au deuxième Synode extraordinaire pour le XXe anniversaire du concile, 1.
  • 5. Benoît-Dominique de La Soujeole, Le sacrement de la communion, Éditions Universitaires Fribourg Suisse, Cerf, Paris, 1998, p. 303.
  • 6. Benoît-Dominique de La Soujeole, Le sacrement de la communion, Éditions Universitaires Fribourg Suisse, Cerf, Paris, 1998, p. 325.

Der Synodale Weg

Der Papst definiert die Synodalität durch ihre Etymologie: gemeinsam vorangehen – er spricht von der pilgernden Kirche. Darüber hinaus verwendet er den Ausdruck des „synodalen Weges“, was erklärt, dass Kardinal Marx und die DBK auf diesen Begriff zurückgreifen, um ihr Unternehmen durchzuführen. Theologisch gut formuliert, müsste man sagen, dass die Einheit unter den Katholiken durch den Glauben und die Nächstenliebe in der Gnade Christi erfolgt. Die göttliche Wahrheit wird durch die Hierarchie übermittelt, die ihre Vollmachten von Christus empfängt, um diese göttliche Wahrheit im ganzen Leib der Kirche zu verbreiten.

Was den Ausdruck synodal angeht, so möchte dieser die Wahrheit des ganzen Volkes Gottes, des Subjekts des sensus fidei, aufkommen und sich wie eine von der ganzen Kirche hervorgebrachte Communio manifestieren sehen. Der Papst erinnert darüber hinaus daran, dass er nicht über der Kirche, sondern innerhalb der Kirche stehe. Natürlich ist die Einheit der Gläubigen mit Christus und unter sich ein Mysterium, aber der von der Synodalität genommene Weg rückt sie zunehmend in die Nähe der hypostatischen Demokratie, oder anders ausgedrückt, einer falschen Gleichsetzung der Grundsätze der modernen Demokratie mit der Kirche.

Im Brief von Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland findet sich eine zweifache Botschaft. Die erste ist unmissverständlich. Sie betrifft die deutschlandspezifischen Schwierigkeiten sowie die Versuchung zu meinen, dass man die Probleme mit einer Umstellung oder einer Verbesserung der Organisation lösen könne. Dies wäre die Illusion des „technokratischen Paradigmas“, die in der Enzyklika Laudato si’ scharf kritisiert wird. Die Antwort ist die Synodalität, die der Papst mit dem sensus Ecclesiae und der Evangelisierung verknüpft.

Die zweite Botschaft ist miteingeschlossen, wird aber nicht ausdrücklich erwähnt. Der „Synodale Weg“ ist ein im Werden begriffener Weg, ein „Auf-dem-Weg-Sein“: „Was dieser konkret bedeutet und wie er sich entwickelt, wird sicherlich noch tiefer in Betracht gezogen werden müssen“. Dies ist eine diskrete Art und Weise, die Deutsche Bischofskonferenz zu unterstützen. Denn der Papst kann die Aussagen der Erklärungen des ZdK und das erklärte Ziel nicht ignorieren, mit einer Mehrheit von Laien eine Synode durchzuführen, um Entscheidungen zu treffen, die „verbindlich“ sein sollen.

Diese Art von Synode kennt das aktuelle Kirchenrecht nicht. Natürlich sind derartige Experimente bereits in Holland und in einem geringeren Umfang in Würzburg unternommen worden. Doch Rom schien diesen Experimenten erfolgreich Einhalt geboten zu haben. Die ITK hatte 2017 – und im Jahr 2018 tat es Franziskus selbst – an die institutionellen Rahmenbedingungen der Synode erinnert, doch diese Rahmenbedingungen werden hier überschritten. In seinem Brief vom 29. Juli 2019 äußert sich Franziskus nicht darüber und ermutigt die Deutschen – Pater Congar zitierend – an den Ursprung der „Laientheologie“, die von Pius XII. dennoch verurteilt wurde: „Die aktuellen Herausforderungen sowie die Antworten, die wir geben, verlangen im Blick auf die Entwicklung eines gesunden aggiornamento ‚einen langen Reifungsprozess und die Zusammenarbeit eines ganzen Volkes über Jahre hinweg‘ “ 7.

Fazit

Offenbar gibt es eine Komplizenschaft zwischen dem Papst und Kardinal Marx, der möglicherweise einer seiner wichtigsten Berater als Mitglied des Kardinalsrates (K6) ist, der Gruppe von Kardinälen, die mit der Reform der Römischen Kurie beauftragt ist. Weit davon entfernt, sich Gedanken um das Gewitter zu machen, das jenseits der Alpen droht, fördert Franziskus den Reformsturm, während er sich davor hütet, einige Gefahren aufzuzeigen. Der Synodale Weg ist eine echte Chance, in einer gelebten Erfahrung das zentrale Prinzip der Synodalität zu verwirklichen.

In einer seiner Reden hat Papst Franziskus das Bild von der umgekehrten Pyramide verwendet, um die Stellung der Autorität in der Kirche zu erläutern. Daher muss gefolgert werden, dass die synodale Kirche eine Kirche ist, die auf dem Kopf läuft …

Fortsetzung folgt…

  • 7. Yves Congar, Véritable et fausse réforme dans l’Eglise, p. 259.