Die Mutter der Schmerzen, unsere Miterlöserin

11. April 2020
Quelle: fsspx.news

„Maria hat am Kreuz ihre Mutterrechte geopfert“, lehren die Päpste. Das Kind ist von der Substanz seiner Mutter, sein Leben ist die Fortsetzung des Lebens der Mutter. Seine Freuden und Leiden sind die Freuden und Leiden der Mutter. Das Kind beleidigen, heißt die Mutter beleidigen. Dem Kind Leid zufügen, heißt der Mutter Leid zufügen. Dem Kind das Leben nehmen, heißt der Mutter den Sinn ihres Lebens nehmen.

Wenn das für jede Mutter gilt, so gilt das über alles für die Mutter Gottes. Ihre ganze Substanz ist in ihn übergegangen. Sie wurde ausschließlich für ihn geschaffen: die Ehre, das Glück, das Leben ihres Sohnes waren ihr unendlich wichtiger als ihre eigene Ehre, ihr Glück, ihr Leben. Ihn zu töten, war schlimmer für sie als sie selber zu töten. Nun gab Maria dies alles als Brandopfer hin für die Ehre des Vaters und für unser Heil. Zwei Leben, zwei Wesen, zwei Herzen sind hier vereint in einer einzigen Opferhingabe, denn ihr Wille war ganz in seinen Willen übergegangen. Somit gibt es kein Erlösungswerk Christi ohne das Mitleiden Mariä.

Mehr noch: Maria ist in ihrem Mitleiden gleichsam eine Ergänzung des Gekreuzigten. Sie erlaubt Christus, seinen Zustand als Opfergabe in sie hinein auszuweiten bis in die tiefsten Kammern ihrer Seele. Der heilige Bernhard deutet das an, wenn er spricht: „Nachdem dein Jesus den Geist aufgegeben hatte, hat die grausame Lanze, die seine Seite öffnete, seine Seele keineswegs getroffen, wohl aber deine Seele hat sie durchbohrt; denn seine Seele war nicht mehr dort, die deine aber konnte sich in keiner Weise von dort losreißen“. Auch wissen wir, dass selbst im tiefsten Leiden die höchsten Seelenvermögen Christi die glückselige Gottesschau bewahren, deshalb konnte er die Tugend des Glaubens nicht besitzen. Als Gottes Sohn besaß er die göttliche Fülle und Glückseligkeit, also konnte er auch die Tugend der Hoffnung nicht besitzen. Maria hingegen lebt das Kreuzesgeheimnis ganz im Glauben und in der Hoffnung.

Durch ihren totalen Glauben kann am Kreuz das Allertiefste der menschlichen Intelligenz aufgeopfert werden. Tatsächlich können wir Gott durch unseren Verstand einen „geistlichen Opferdienst“ (rationale obsequium) schenken, indem wir völlig aus dem Glauben leben. Maria bleibt unter dem Kreuz stehen und harrt aus, weil sie den vollkommenen Glauben besitzt. Alles nach außen hin scheint der Verheißung des Erzengels Gabriel zu widersprechen. Christus am Kreuz ist nicht angenommen, sondern von seinem Volk verworfen und er ist weit davon entfernt, über das Haus Jakobs zu herrschen. Aber Maria diskutiert nicht, zweifelt nicht, sucht nicht zu verstehen. Sie vereinigt sich in Liebe mit dem Willen des Vaters. Dieser Wille ist ihr einziges Licht. Dank dieser völligen Hingabe ihres kontemplativen Glaubens kann Maria dem Vater das tiefste, intimste in ihrer Intelligenz opfern: ein Opfer, das selbst Jesus nicht bringen kann. Dies läßt uns die Größe ihres Mitleidens erkennen. In ihrem Opfer ist der Verstand in dunkelste Nacht geworfen und als solcher ganz hingegeben in Liebe: und gerade diese Opfergabe vollendet, was am Leiden Christi noch mangelt.

Wenn das gilt für den Verstand (durch den Glauben), so gilt das ebenso für ihren Willen, in der Hoffnung. Die tiefsten Wünsche des Herzens der Immaculata (die Ehre, das Glück und Gut ihres über alles geliebten Sohnes) sind dem Vater aufgeopfert im Geheimnis ihres Mitleidens in einem Akt völligen Vertrauens. Wenn man bedenkt, dass unser Bewusstsein des Lebens sich in unseren tiefsten Wünschen verwirklicht, dann können wir ein wenig verstehen, dass durch die Opfergabe dieser Wünsche Maria den fürchterlichsten mystischen Tod erlebt hat: den Tod durch das Schwert, das in die Tiefen der Seele schneidet bis zur Auftrennung von Seele und Geist. Alles an Maria ist geschlachtet, dem Vater geopfert in der Opfergabe Jesu selbst. Durch Maria ist die ganze menschliche Natur mit dem, was sie am tiefsten und persönlichsten besitzt, dem Vater aufgeopfert für seine Ehre und das Heil der Menschen.