Ein neues Reskript von Papst Franziskus

21. Juni 2022
Quelle: fsspx.news
Kardinal João Braz de Aviz

Eine öffentliche Vereinigung von Gläubigen, die ein Institut des geweihten Lebens oder eine apostolische Gesellschaft nach Diözesanrecht werden möchte, muss künftig die Zustimmung des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens einholen. Es reicht nicht mehr die Zustimmung des Ortsbischofs. Das hat der Papst in einem Reskript am 15. Juni 2022 als Gesetz festgelegt.

Anfang Februar dieses Jahres gewährte Papst Franziskus dem Kardinalpräfekten des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, Kardinal João Braz de Aviz, eine Audienz. Dabei genehmigte er per Reskript insbesondere die folgende Bestimmung: „Der Diözesanbischof muss, bevor er eine öffentliche Vereinigung von Gläubigen errichtet, um ein Institut des geweihten Lebens oder eine Gesellschaft des apostolischen Lebens nach diözesanem Recht zu werden, die schriftliche Genehmigung des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens einholen.“ 

Diese öffentlichen Vereinigungen von Gläubigen, die auf einen Ordensstatus oder einen Status des apostolischen Lebens warten, werden als „in itinere“, als „auf dem Weg“ bezeichnet. Laut einer Quelle von cath.ch war der spezifische Fall der Diözese Fréjus-Toulon – deren Weihen gerade ausgesetzt wurden – übrigens nicht der Grund für dieses Reskript. 

Weiter heißt es in der kanonischen Entscheidung: „Einige Vereinigungen waren zu einer ‚außer Kontrolle‘ geratenen Realität geworden, da die Bischöfe sie errichten konnten, ohne Rom um etwas zu bitten. Und sie waren nicht unbedingt dafür gerüstet, über die Einhaltung der Besonderheit des geweihten Lebens zu wachen.“ 

Im Zuge dieser Angelegenheit behauptet der Vatikan, dass das Reskript Teil der von Franziskus geförderten Synodalität ist, um eine engere Zusammenarbeit zwischen der Kurie und den Diözesanbischöfen zu bewirken. Dies hatte der Papst in seiner Ansprache an die Vollversammlung der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens am 11. Dezember letzten Jahres betont. 

Hintergrund für den Regulierungsansatz auf globaler Ebene ist die Tatsache, dass es in vielen Ländern zwar eine Blüte neuer Gemeinschaften gab, diese jedoch seit den 1970er Jahren mit Fehlentwicklungen einhergingen. Dies bezieht sich besonders auf die Einhaltung der internen Regeln und das Glaubensleben. 

Nicht zuletzt deswegen wurde eine zunehmende Regulierung dieser Gemeinschaften nach Diözesanrecht durch Rom nach und nach eingeführt. Franziskus Motu proprio Authenticum charismatis vom 4. November 2020 machte die Genehmigung des Heiligen Stuhls für jede Anerkennung eines neuen Instituts des geweihten Lebens im Rahmen der Diözese zur Pflicht. Zuvor hatte die Stellungnahme aus Rom lediglich beratenden Charakter. 

Eine Note des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben vom 11. Juni 2021 schrieb eine begrenzte Amtszeit des Führungspersonals innerhalb der Vereinigungen der Gläubigen vor, um Machtmissbrauch zu verhindern. 

Das jetzige Reskript vom 15. Juni 2022 betrifft die Fälle von Vereinigungen, die ein öffentliches Leben nach den evangelischen Räten anstreben. Gruppen der katholischen Aktion oder auch kulturelle Vereinigungen, z.B. kirchliche Sportvereine, sind nicht vom päpstlichen Verwaltungshandeln betroffen. 

Das Reskript versucht vor allem zu verhindern, dass sich kleine Gemeinschaften mit unklar definiertem kirchenrechtlichem Status, wenigen Mitgliedern und oft wenig lebensfähig wie Wildwuchs vermehren. Außerdem ist die Autorität in diesen Gemeinschaften nicht institutionell begründet, was Fehlentwicklungen begünstigt. 

Das mögliche Tragen von Ordenstracht, die unterschiedliche Integration dieser Gemeinschaften in das Leben der Pfarreien und Diözesen und die Persönlichkeit der Gründer, bei denen es sich manchmal um Ordensleute handelt, die von ihrem Herkunftsorden losgelöst sind, können für die Gläubigen verwirrend sein. 

Laut cath.ch strebt Papst Franziskus deswegen eine strengere Regulierung an und bestätigt eine „Stärkung der Kontrolle Roms über die Unterscheidungsfähigkeit der Bischöfe in Bezug auf das geweihte Leben“, erklärt ein Kurienmitarbeiter. 

Der Begriff ‚schriftliche Genehmigung‘ sei jedoch „von einer Billigung zu unterscheiden, die eine Teilung der Verantwortung für die Entscheidung wäre. In diesem Fall handelt es sich um eine Überprüfung des Urteilsvermögens“, so dass der Bischof nach Diözesanrecht weiterhin die letzte Verantwortung für die Entscheidung trägt. 

Zwei Anmerkungen zu diesem neuen Reskript sind notwendig. 

Erstens: Es ist offensichtlich, dass der Text die Autonomie und Autorität der Bischöfe durch die Autorität des Heiligen Stuhls in dem betreffenden Bereich einschränkt. Das überrascht allerdings nicht, denn die Bischöfe waren und sind die großen Verlierer des Konzils und der nachkonziliaren Reformen. Man muss jedoch zugeben, dass die römische Kurie aufgrund ihrer universellen Sicht der Kirche und des täglichen Umgangs mit den Schwierigkeiten, die von überall her auftauchen, über große Erfahrungen bei „Problemfällen“ verfügt. Sie ist daher bei der Behandlung dieser Fragen sicher kompetent. Allerdings wird die von Franziskus angestrebte Dezentralisierung durch derartige Handlungen konterkariert. 

Zweitens: Die extravagante postkonziliare Freiheit, die es ermöglichte, in verschiedenen Bereichen alles zu tun und zu dürfen, hat in der Tat tumorartige diözesane Auswüchse hervorgebracht. Wie lange hat es zum Beispiel gedauert, die Mitglieder charismatischer Stiftungen, die keinerlei Ausbildung hatten und sich oft genug zu regelrechten Häresien bekannten, in die Schranken zu weisen? Das Bild der Katastrophe muss Bischöfen und der römischen Kurie offenbar sein: die verstreuten Kräfte der Gläubigen, die im Namen einer falsch verstandenen Freiheit keinen Hirten und keinen Führer haben. Dazu die Unfähigkeit oder in manchen Fällen die Komplizenschaft der Bischöfe angesichts dieser tumorartigen Entwicklungen. Das Motu proprio Authenticum charismatis hatte mit beiden Realitäten zu kämpfen und sie zu korrigieren.