Franziskus sieht „den Wolf im Schafspelz“

04. Juli 2022
Quelle: fsspx.news

„Ich habe oft eine vorkonziliare Mentalität vorgefunden, die sich als konziliar verkleidete“, sagte der Pontifex in einem vielbeachteten Zeitungs-Interview (Mai 2022). Er deutet an, dass die Umsetzung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgegebenen Leitlinien in Italien „vielleicht schwieriger“ gewesen sei als in Lateinamerika oder Afrika.

Dem Corriere della Sera gegenüber sprach Papst Franziskus nicht nur über den Krieg in der Ukraine und seine gesundheitlichen Probleme, sondern auch über kirchliche Themen, die ihn immer wieder beschäftigen.  

Angesichts des Zustands der italienischen Kirche wies der Pontifex auf die Qualitäten vieler italienischer Priester, Pfarrer, Ordensschwestern und Laien hin und versicherte, dass er keine zu schnellen Neubesetzungen in der bischöflichen Hierarchie durchführen wolle. Trotzdem ist ihm „die Erneuerung der italienischen Kirche“ ein Anliegen, sodass er einfache Priester direkt an die Spitze großer Diözesen beförderte. Kürzlich geschehen in Turin mit dem Theologen Roberto Repole oder in Genua im Jahr 2020 mit dem Franziskaner Marco Tasca. In Italien ist die Versetzung von Bischöfen viel üblicher als in anderen Ländern. Viele Oberhirten beginnen ihren bischöflichen Dienst in kleinen Diözesen oder als Weihbischöfe. 

Für die italienische Bischofskonferenz, deren Vorsitz Kardinal Bassetti innehat, hofft der Papst, einen Kardinal zu finden, „der eine schöne Veränderung herbeiführen will“. Die Folge: Kurz nach dem Interview ernannte er Matteo Kardinal Zuppi, den Erzbischof von Bologna zum Vorsitzenden. Dies scheint der perfekte Prototyp eines „bergoglianischen“ Prälaten und das Sprachrohr der Gemeinschaft Sant'Egidio, die das interreligiöse Treffen in Assisi 1986 und die darauf folgenden interreligiösen Veranstaltungen ins Leben gerufen hat, zu sein. Im Gespräch mit den Journalisten drückte Franziskus auch seine Verbundenheit mit dem Carlo Maria Martini (1979-2002) aus, dem vor fast zehn Jahren verstorbenen Jesuiten-Kardinal und Erzbischof von Mailand, der während des Pontifikats von Johannes Paul II. die zentrale Figur des progressiven Flügels des italienischen Episkopats war. 

Am 19. Mai, knapp zwei Wochen nach dem Corriere della Sera-Interview stand Franziskus der italienischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica Rede und Antwort, die das lange Gespräch Mitte Juni veröffentlichte. Auch diesmal sprach der Papst über den Krieg in der Ukraine, die Erneuerung der Kirche, den von vielen als "häretisch" bewerteten Synodalen Weg in Deutschland oder die Evangelisierung der Jugend. Bei dieser Gelegenheit beschreibt er die Versuchungen des „Restaurationismus“. Seine Verfechter seien gekommen, um „das Konzil zu knebeln“. Wir zitieren hier einige bedeutende Passagen, die von Vatican News veröffentlicht wurden: 

Es ist sehr schwierig, eine spirituelle Erneuerung unter Verwendung völlig überholter Schemata in Betracht zu ziehen. Wir müssen unsere Art, die Realität zu sehen und zu bewerten, erneuern. In der europäischen Kirche sehe ich mehr Erneuerung in den spontanen Dingen, die entstehen: Bewegungen, Gruppen, neue Bischöfe, die sich daran erinnern, dass hinter ihnen ein Konzil steht. Denn das Konzil, an das sich einige Geistliche am besten erinnern können, ist das Konzil von Trient. Und was ich sage, ist kein Unsinn.  Der ‘Restaurationismus' ist gekommen, um das Konzil zu knebeln. Die Zahl der „Restauratoren“-Gruppen – in den USA gibt es zum Beispiel viele davon – ist beeindruckend. Ein argentinischer Bischof erzählte mir, dass er gebeten wurde, eine Diözese zu verwalten, die in die Hände dieser ‘Restauratoren’ gefallen war. […] Sie hatten das Konzil nie akzeptiert. Es gibt Ideen und Verhaltensweisen, die aus einem ‘Restaurationismus’ hervorgehen, der das Konzil im Grunde nicht akzeptiert hat. Das Problem ist genau das: In bestimmten Kontexten wurde das Konzil noch nicht akzeptiert. Es ist auch wahr, dass es ein Jahrhundert dauert, bis ein Konzil Wurzeln schlägt. Wir haben also noch vierzig Jahre Zeit, um es Wurzeln schlagen zu lassen! Als Zeichen der Erneuerung sieht man auch Gruppen, die der Kirche durch soziale oder pastorale Hilfe ein neues Gesicht geben. Die Franzosen sind in dieser Hinsicht sehr kreativ.

Bezieht sich dieser vom Papst abgelehnte „Restaurationismus“ auf den Vers des heiligen Paulus (Eph 1,10): Omnia instaurare in Christo, den der heilige Pius X. in seiner ersten Enzyklika E supremi apostolatus (4. Oktober 1903) als Motto seines Pontifikats gewählt hatte? 

Msgr. Brunero Gherardini (1925 –2017) fragte sich in seinem Buch „Das Zweite Vatikanische Konzil: Eine Debatte, die nicht stattgefunden hat“, „ob sich wirklich alle Konzilsväter bewusst waren, dass sie objektiv dabei waren, sich von jener jahrhundertealten Mentalität loszureißen, die bis dahin die grundlegende Motivation für das Leben, das Gebet, die Lehre und die Leitung der Kirche ausgedrückt hatte. Pius X. hatte jedoch eine klare Position gegen diese Mentalität bezogen, indem er seine Absicht zum Ausdruck brachte, ‘instaurare omnia in Christo, alles in Christus wiederherzustellen'. Es war also [bei diesem heiligen Papst] eindeutig eine Manifestation von Gegen-Geist [gegen den Geist des Konzils].“