Interview des Papstes mit der „Civiltà Cattolica“

20. Juni 2022
Quelle: fsspx.news

Am 19. Mai 2022 gab Papst Franziskus den Schriftleitern der europäischen Zeitschriften der Gesellschaft Jesu ein Interview. Neben dem Generaloberen der Gesellschaft Jesu, Pater Arturo Sosa Abascal (geb. 1948), waren zehn Patres aus verschiedenen Redaktionen anwesend. Zu dem Zweck hatte man sich in der Privatbibliothek des Apostolischen Palastes zu einer Audienz zusammengefunden. Das Gespräch wurde von der Civiltà Cattolica, der renommiertesten Jesuitenzeitschrift, auf Französisch veröffentlicht. Einige Antworten des Papstes aus der Gesellschaft Jesu verdienen eine nähere Betrachtung und Beachtung.

Eine erste Frage bezog sich auf „die Bedeutung und den Auftrag der Zeitschriften der Gesellschaft“. Der Papst betonte, dass sich die Kommunikation vor allem nicht nur auf „Ideen“ beschränken dürfe, sondern in der Erfahrung verwurzelt sein müsse. Er wiederholte dabei mehrmals, dass „die Wirklichkeit der Idee überlegen ist.“ Dies ist eine Formulierung, die etwas nebulös scheint. Der Papst will wohl damit sagen, dass man immer über die Realität sprechen und sich nicht auf einen „abgehobenen“ Kampf der Ideen beschränken sollte. Dabei schien vergessen, dass es eigentlich die Ideen sind, in deren Namen die Welt regiert wird.

Der Papst betonte in dem Zusammenhang: „Die Wirklichkeit muss differenziert betrachtet werden [d.h. sie muss Gegenstand eines Urteils des Verstandes sein].” Die discretio, das aus den Exerzitien des hl. Ignatius stammende Unterscheidungsvermögen, sei eine besondere Gabe der Gesellschaft.

Gewiss hat der heilige Ignatius, insbesondere in seinen Geistlichen Übungen, diesbezüglich Herausragendes niedergelegt. Heutzutage scheint diese “Gabe der Unterscheidung der Geister” bei den Jesuiten jedoch so gut wie ausgestorben zu sein ... 

Die nächste Frage betraf die Ukraine. Der Papst antwortete sehr vorsichtig und berichtete, was ein ungenanter Staatschef einige Monate vor Beginn des Konflikts zu ihm gesagt hatte: „Sie [die Mitglieder der NATO] bellen an den Toren Russlands. Und sie verstehen nicht, dass die Russen imperial denken und keiner fremden Macht erlauben, sich ihnen zu nähern.“

Franziskus lobte anschließend den Wert dieser Einschätzung des anonymen Politikers. Er wies auch darauf hin, dass sich in diesem Krieg nicht alles in schwarz oder weiß scheiden ließe. Er gab so der Überlegung Raum, wonach der Krieg möglicherweise provoziert worden sei.  

Der Papst bedauerte auch, dass der Waffenhandel wieder aufgenommen wurde. Er folgterte daraus, dass der Dritte Weltkrieg schon begonnen habe, ein Krieg „in Stücken“. Gleichzeitig erinnerte er an die vielen Teile der Welt, die sich derzeit in einem offenen oder verdeckten Krieg befinden. Er betonte den traurigen Umstand, dass es in einem Jahrhundert drei Weltkriege gegeben habe. Die Antwort auf diese Frage war insgesamt sehr ausführlich und zeigte die große Besorgnis Franziskus bei dem Thema der gewaltsamen Konflikte. 

Eine dritte Frage der Jesuiten-Schriftleiter betraf die „Zeichen einer spirituellen Erneuerung“ in der Kirche. Die Antwort des Papstes war deutlich: „Es ist sehr schwierig, eine geistliche Erneuerung unter Verwendung sehr altmodischer Schemata zu betrachten. Wir müssen unsere Art, die Realität zu sehen und zu bewerten, erneuern.“ Der Papst meinte weiterhin: „In der europäischen Kirche sehe ich mehr Erneuerung in den spontanen Dingen, die entstehen: Bewegungen, Gruppen, neue Bischöfe, die sich daran erinnern, dass hinter ihnen ein Konzil steht. Denn das Konzil, an das sich einige Geistliche am besten erinnern können, ist das Konzil von Trient. Und was ich sage, ist kein Unsinn.“

Anschließend äußerte er eine Anklage gegen den traditionsverbundenen Katholizismus: „Der ‚Restaurationismus‘ ist gekommen, um das Konzil zu knebeln. Die Zahl der ‚restaurativen‘ Gruppen – es gibt zum Beispiel viele davon in den Vereinigten Staaten – ist beeindruckend.“

Anschließend verfiel Franziskus in eine schwärmerische Apologie von Pater Pedro Arrupe (1907 –1991), der zwischen 1965 und 1981 Generaloberer der Jesuiten war. Arrupe war sehr progressiv und wurde von Paul VI. geschätzt, von Johannes Paul II. jedoch weitaus weniger. Papst Franziskus meinte zu seiner Person, dass es wichtig sei, diejenigen „zu retten, die das Konzil und die Loyalität gegenüber dem Papst verteidigt haben.“

Die fünfte Frage betraf den deutschen „ Synodalen Weg”. Der Fragesteller zeigte sich ob der Arbeit, die dort geleistet wird, bewundernd. Doch Franziskus holte ihn schnell auf den Boden der Tatsachen: „Ich habe dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Bätzing, gesagt: „Es gibt eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland. Wir wollen nicht zwei davon.“ Das Problem entsteht, wenn der synodale Weg von den intellektuellen, theologischen Eliten ausgeht und stark von äußerem Druck beeinflusst wird. Es gibt Diözesen, in denen der synodale Weg mit den Gläubigen, mit den Menschen, langsam gegangen wird.“

Schließlich verteidigte der Papst auch seine Haltung gegenüber der Diözese Köln und Kardinal Rainer Woelki, indem er den äußeren, medialen Druck dafür verantwortlich machte, dass keine aktuelle Entscheidung getroffen werden könne. Das mag eine richtige Einschätzung sein, hilft aber dem Angeklagten nicht weiter, wie das Schicksal des aus dem Amt gedrängten Pariser Oberhirten Michel Aupetit vor Augen führt.

Insgesamt scheint Franziskus zunehmend verbittert gegenüber allen „traditionalistischen“ Tendenzen und den Konservativen zu sein. Sie scheinen ihm die Bremser bei der Umsetzung des Konzils zu sein, weshalb er sie für alle Übel in diesem Bereich verantwortlich macht. Anstatt sich den wirklichen Fragen der beispiellosen Kirchenkrise zu stellen, werden vom Papst für die postkonziliare Katastrophe bequem benennbare Sündenböcke gesucht und gefunden.