Ist der Frieden in der Jerusalemer Altstadt gefährdet?

17. Juni 2022
Quelle: fsspx.news
Die Altstadt von Jerusalm: Im Vordergrund eines der beiden Hotels

Mit dem Erwerb zweier Hotels hat eine ultraorthodoxe jüdische Organisation in der Altstadt von Jerusalem einen Coup gelandet, den nicht alle gutheißen.

Zwei Jahrzehnte dauerte der Rechtsstreit, den das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem mit der ultra-nationalistisch jüdischen Organisation Ateret Cohanim („Krone der Priester“) ausfocht. Nun unterlag das Patriarchat und verlor in der Altstadt zwei Grundstücke an Ateret Cohanim. Dies bestätigte der Oberste Gerichtshof Israels am Abend des 8. Juni. Nach einem zähen Verfahren ist es der ultraorthodoxen jüdischen Organisation, die sich für die Schaffung einer jüdischen Mehrheit in der Altstadt und in den arabischen Vierteln in Ost-Jerusalem einsetzt, nun erlaubt, zwei Hotels in den christlichen und muslimischen Vierteln der Altstadt ihr Eigen zu nennen.

Gefahr für das christliche Viertel

Für Msgr. William Shomali, Vikar des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, wird der Verlust dieser Immobilien das Aussehen des christlichen Viertels in Ostjerusalem verändern. „Die beiden Hotels in unserem Viertel können Hunderte von Siedlern beherbergen, die bewaffnet und manchmal gewalttätig sind. Sie können jederzeit den Verkehr im christlichen Viertel oder die religiösen Prozessionen, die dort vorbeiziehen, stoppen!“, warnte er. Für ihn wäre das eine mögliche physische, religiöse und kulturelle Bedrohung, deren erste Opfer christliche Palästinenser wären. Der Prälat betont: „Wir wollen nicht, dass unser Viertel von den Siedlern kontrolliert wird. Für uns ist das so, als würden wir zwei große Hotels im Zentrum von Mea Shearim [ultra-orthodoxes jüdisches Viertel in West-Jerusalem, Anm. d. Red] kaufen. Jeder muss seinen Raum zum Atmen haben.“

Bestechungsgelder

Gleichzeitig räumt Msgr.  Shomali ein Versagen, „eine Schwäche des orthodoxen Patriarchats“ ein. Denn Mitarbeiter des Patriarchats hätten 2004 „Bestechungsgelder“ erhalten, um mit Ateret Cohanim den Verkauf der beiden Hotels vertraglich zu vereinbaren. Der Patriarchalvikar von Jerusalem deutet eine „Sympathie des israelischen Gerichts für die Siedler“ an, man habe auf der Basis der Rechtslage durch die unterzeichneten Verträge die grundsätzliche Rechtsfrage zu einem aussichtslosen, vorentschiedenen Kampf gemacht.

Vorausgegangen war auch die Ende März erfolgte Inbesitznahme eines Teils des Hotels und Hostels „Petra“ durch Ateret Cohanim-Mitglieder. Dies geschah lange vor dem erwähnten Gerichtsurteil und vor einem entsprechend gerechtfertigten Räumungsbefehl.

Christlicher Raum umgestaltet

Für Bischof Shomali ist das eine Entwicklung zu einer offensiven Veränderung der Altstadt, die bereits in den letzten Jahren begonnen hat. Der Eingang zum christlichen Viertel, wo die Straße zum Neuen Tor verläuft, sei beispielsweise zu einer „Bar unter freiem Himmel“ geworden. Israelis gehen dort ein und aus, „um ein Bier oder einen Kaffee zu trinken“, betont er und sieht damit einen der wenigen Räume, die den palästinensischen Christen vorbehalten sind, störend umgestaltet. Aus diesem Grund fordert Shomali, dass der Status Jerusalems über internationale Garantien geschützt wird, damit die Gemeinden und alle Pilger sich friedlich in der Stadt bewegen können. „Jerusalem muss eine Stadt sein, die für alle offen ist, mit gleichen Rechten für alle Gemeinschaften, in der jede die andere respektiert“, stellt er fest.

Noch ist das Verfahren in Gänze nicht abgeschlossen, da die israelische Justiz über einen weiteren Teil dieses Rechtsstreits entscheiden muss. Dabei geht es um das Schicksal der palästinensischen Bewohner, die laut des Anwalts des griechisch-orthodoxen Patriarchats den Status von „geschützten Mietern“ haben. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat hält die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Israels bisher für „ungerecht“ und bestätigte „unehrliche und illegale“ Methoden der Siedler an einem der symbolträchtigsten Orte der arabisch-muslimischen und christlichen Präsenz in Jerusalem.