Kruzifix lediglich ein Kunstobjekt?

14. Juni 2022
Quelle: fsspx.news
Das Verfassungsgericht von Kolumbien unter dem Kruzifix

Das kolumbianische Verfassungsgericht hat entschieden, dass die Präsenz eines Kruzifixes im Plenarsaal des Gerichtshofs nicht gegen die Neutralität des Staates verstößt. Die Richter werden durch das Kruzifix nicht in ihren Entscheidungen beeinflusst, so dass es an seinem Platz bleibt. In seiner Begründung beschritt das Gericht seltsame Wege.

Der ganzen Angelegenheit vorangegangen war die Beschwerde eines Bürgers, der behauptete, dass die Präsenz des Kruzifixes im Justizpalast von Bogota angeblich impliziere, dass der Staat eine christliche „Voreingenommenheit“ pflege. Seine Präsenz würde die Richter in ihren Entscheidungen inhaltlich führen und binden.  

Doch die Richter stellten klar, dass „das Entfernen des Kruzifixes antireligiöse Feindseligkeit und nicht Säkularismus wäre.“ Das Gericht versicherte, dass die Richter „in ihrem Urteilsvermögen und ihrer Objektivität nicht beeinträchtigt wurden“, und dass die Anwesenheit des Kruzifixes „keine Form der Ausgrenzung oder Indoktrination darstellt.“  

Kruzifix als Kulturgut 

Außerdem erklärten die Richter, dass das Kruzifix einen historischen Wert besitze. Es befände sich seit der Einweihung am 7. Juni 1999 im Plenarsaal und habe einen kulturellen Wert, da es von einem bekannten Künstler geschnitzt worden sei. In seiner Begründung berief sich das kolumbianische Verfassungsgericht auf eine Definition der UNESCO, wonach die kulturelle Identität als die Summe „unverwechselbarer geistiger, materieller und emotionaler Merkmale in Kunst, Literatur, Lebensweise, Glauben und Traditionen“, definiert werden könne.  

Berufung auf Neutralität 

Aus diesem Grund wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, „tolerant und respektvoll gegenüber kulturellen Traditionen“ zu sein. Letztendlich hat das Verfassungsgericht mit seiner Entscheidung unterstrichen, dass die Verfassung von 1991 den Staat zur Neutralität gegenüber jeder Religion verpflichte. 

Diese fahrlässig vorgetragene Berufung auf eine angebliche Neutralität scheint folgerichtig, denn das Gericht fiel schon früher mit einer Rechtsprechung auf, die scheinbar im Kern alles ablehnt, was das Kruzifix darstellt und symbolisiert. Man gewinnt den Eindruck, dass sich die richterlichen Autoritäten de facto über die Rolle der Legislative hinwegsetzen, um die Souveränität des Volkes an sich zu reißen. Denn sie hatten im Vorfeld bereits die Abtreibung bis zur 24. Schwangerschaftswoche und Euthanasie legalisiert. Diese früheren Entscheidungen des Gerichts, die weitgehend zugunsten der Zivilisation des Todes ausfielen, belegen die zerstörerische Natur der konziliaren Religionsfreiheit.  

Das Symbol des Gekreuzigten als geduldeten Kunstgegenstand zu bezeichnen, bedeutet grundsätzlich die Verbannung des Gottmenschen Jesus Christus aus dem öffentlichen Raum.  

Erzbischof Marcel Lefebvre spricht 

Erzbischof Marcel Lefebvre sieht in einem solchen Verständnis die Mitschuld der Hierarchie und erklärte, dass er in Kolumbien war, „als der Präsident der Republik der Bevölkerung mitteilte, dass auf Ersuchen des Heiligen Stuhls der erste Artikel der Verfassung entfernt worden war, der besagte: 'Die katholische Religion ist die einzige von der kolumbianischen Republik anerkannte Religion’.“ Und weiter: „Der Nuntius hielt eine Rede über Fortschritt, Entwicklung und Menschenwürde, die auch von einem Freimaurer hätte gehalten werden können. Und der Vorsitzende der Bischofskonferenz hielt eine dritte Rede, in der er sich ganz einfach auf das Konzilsdokument über die Religionsfreiheit berief, um zu rechtfertigen, dass die katholische Religion nicht mehr die einzige in der kolumbianischen Republik anerkannte Religion ist.“ Dabei habe der Präsident der Republik klargestellt, „dass 98 % der Kolumbianer katholisch und nur 2 % nicht katholisch sind. Dann erfuhr ich vom Sekretär der Bischofsversammlung, dass sie zwei Jahre lang im Namen des Staatssekretariats in Rom das Präsidialamt der [kolumbianischen] Republik belagert hatten, um an diesen Punkt zu gelangen.“ (Konferenz in Barcelona, 29. Dezember 1975).