Malteser streiten über Verfassungsreform

04. Mai 2022
Quelle: fsspx.news
Seliger Gerard de Scala, erster Großmeister des Ordens

Im Souveränen Militärischen Malteserordens ist eine teils erbitterte Diskussion darüber entbrannt, wie die neue Verfassung aussehen soll. Diese Diskussion kommt für die Ordensoberen zur Unzeit, denn der Entwurf für den Verfassungstext liegt derzeit bei Papst Franziskus. Der Pontifex soll die Reform zum einem inhaltlichen Abschluss bringen, erst dann sollen die Gremien des Ordens mitsprechen. Die religiöse Presse auf der anderen Seite des Atlantiks war die erste, die die Grundzüge des Reformprojekts des über 900 Jahre alten Ordens veröffentlichte. Ob der Text gezielt durchgestochen wurde oder nicht, ist nicht bekannt.

Stein des Anstoßes ist, dass die Befugnisse des Großmeisters drastisch eingeschränkt werden sollen. Nach dem Wortlaut der bislang gültigen Verfassung übt er die „höchste Autorität“ über alle Aspekte des Ordens aus, und er wird auf Lebenszeit gewählt. Der Entwurf für die neue Regelung sieht nun vor, dass der Großmeister künftig für eine Amtszeit von zehn Jahren gewählt wird, die nur einmal verlängert werden kann. Mit Vollendung des 85. Lebensjahres würde die Amtszeit automatisch enden. Dieser Vorschlag wurde von der Ordensleitung – offenbar ohne Konsultation der Professritter – ausgearbeitet.

Doch das war noch nicht alles. Bisher war der Großmeister befugt, die Entscheidungen des Souveränen Rates des Ordens abzulehnen; wenn der Papst den derzeit in Arbeit befindlichen Text verkündet, hätte der Souveräne Rat die Möglichkeit, sich mit einer Zweidrittelmehrheit über das Veto des Großmeisters hinwegzusetzen. Darüber hinaus sieht der Verfassungsentwurf auch die Gegenzeichnung des Großkanzlers für alle Handlungen des Großmeisters vor. Erst dann sollen diese rechtskräftig werden. Die Kritiker erkennen in den Reformvorhaben das Ziel, den Malteserorden zu „säkularisieren“ und die Professritter von den täglichen Regierungsgeschäften fernzuhalten.

Nach Ansicht der Reformgegner würde die neue Verfassung langfristig eine Trennung zwischen der religiösen Seite des Ordens, die durch die Professritter und den Großmeister an der Spitze verkörpert wird, und der sozialen Seite, die in die Hände des Großkanzlers gelegt wird, bewirken. Sie erkennen eine Strategie, die darauf abzielt, das Amt des Großmeisters weitgehend von der täglichen Führung des Ordens, seiner internationalen Wohltätigkeitsarbeit und seinen diplomatischen Vorrechten zu isolieren.

Es entstünde, so die Kritiker, ein Machtaufteilung im Souveränen Malteserorden, die in gewisser Weise der Rolle des Premierministers und der Monarchin nach englischem Vorbild entspräche. Dieser Vergleich ist durchaus statthaft, denn der Souveräne Malteserorden ist ein Subjekt des Völkerrechts, als solches kann er eigene Pässe ausstellen und volle diplomatische Beziehungen zu Dutzenden von Staaten in der Welt unterhalten. Für die Ordensmitglieder, die der Reform zustimmend gegenüberstehen, sind die aktuellen Vorschläge „ein Weg zu einer besseren Regierungsführung und stehen im Einklang mit den Traditionen des Ordens“, wie ein Professritter sagte. Und mit Rückblick auf 900 Jahre Ordensgeschichte sagt er: „Die Vorstellung eines allmächtigen Großmeisters ist ein historischer Fehler, denn die Geschichte unserer Regierungsführung war immer kollegial.“

Der Ball liegt nun bei Papst Franziskus, der entscheiden muss, ob er dieses Reformprojekt billigt oder abändert. Immerhin scheint der Verfassungstext derzeit weit davon entfernt zu sein, für eine Beruhigung unter den Rittern zu sorgen. Der Papst steht dabei unter einem gewissen Zeitdruck: Das Amt des Großmeisters des Souveränen Malteserordens ist seit dem Tod von Fra' Giacomo Della Torre im Jahr 2020 vakant.