Marias Einsamkeit während des öffentlichen Lebens Jesu

23. Januar 2021
Quelle: fsspx.news

Die Rolle der allerseligsten Jungfrau während des öffentlichen Lebens ihres Sohnes war völlig verborgen: ein Leben der liebenden Kontemplation, des Gebets und des Opfers. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Opfers war ihre Einsamkeit.

Aber welch eine Einsamkeit! Denken wir an eine arme Witwe, wenn ihr einziger Sohn im Krieg ist: Welche Angst! Ihr wird gesagt, dass er an einer sehr gefährlichen Schlacht teilnehmen muss, welche Qual! Und endlich wird ihr mitgeteilt, dass der Tod unvermeidlich ist, welche Tortur! Welch bittere Einsamkeit für eine solche Mutter, deren Leben man mit einem verlassenen Weg vergleichen kann, der in der Wüste endet.

Aber was sind diese Beispiele menschlicher Einsamkeit im Vergleich mit dem Leben der Muttergottes? Für sie war ihr Kind Jesus und ihr Bräutigam, der heilige Josef, alles! Der Hl. Josef war verstorben und ihr einziger Sohn hat sie verlassen, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. Dabei wusste sie genau, dass dieses aus einem ungeheuren Kampf bestand, der offensichtlich mit dem schrecklichsten Tod enden wird.

Als sie Jesus im Alter von zwölf Jahren verlor, war der heilige Josef da, um ihr beizustehen und sie zu trösten, jetzt hat sie niemanden mehr. Damals dauerte der Schmerz drei Tage, jetzt dauert er Jahre.

Damals wurde ihr Herz wohl vom ungeheuren Rätsel und von der Angst vor einem Unglück gequält, aber jetzt wurde es von der Gewissheit gepeinigt, dass der herzbrechende Tod bald eintreten würde.

Je tiefer man dieses einsame Leben Mariens betrachtet, umso mehr ist man erstaunt und erschüttert ob des unerschöpflichen Schmerzes und so vieler Tränen, die unsere himmlische Mutter zu unserem Heil, mit dem Schweiß, den Mühen und dem Schmerz Jesu in seinem öffentlichen Leben, vereinigt hat.

Beim Tod oder bei der Abwesenheit eines geliebten Menschen ist das Leid umso größer, je länger das Zusammenleben, je größer die Vertrautheit, die Harmonie, das gegenseitige Verständnis und je schwerer die gemeinsam ertragenen Prüfungen waren.

Die Trennung bringt also die Auflösung eines sehr dichten Gefüges von Gewohnheiten, Verständigungen und Zuneigungen mit sich, die durch unzählige vertraute Erinnerungen festgefügt waren. Dadurch scheint das ganze Leben seinen natürlichen Halt zu verlieren und sich aufzulösen.

Denken wir dabei an die innigste Vertrautheit Mariens in den langen Jahren von Nazareth mit ihrem geliebten Gatten und dem göttlichen Sohn, der ihr bis zum Alter von dreißig Jahren „untertan war“. Dabei muss man bedenken, dass gewöhnlich die Kinder ihr Vaterhaus viel früher verlassen.

Bei den Menschen verblassen mit der Zeit die Erinnerungen an die Vergangenheit und dadurch werden die Schmerzen gelindert. Aber wie kann man sich dies bei einer so tiefgründigen Seele wie Maria vorstellen?

Die Menschen können ihren Geist auf andere Dinge richten, und sich von neuen Eindrücken absorbieren lassen, die dieses Vergessen erleichtern. Aber was in aller Welt könnte Marias Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen als Jesus allein?

Normalerweise haben die Vereinsamten noch andere Menschen (Kinder, Verwandte und Freunde), die sie trösten, für Maria gab es nur Jesus, der ihr Ein und Alles war. Und was die Verwandten und Freunde betrifft, so lernen wir aus der Heiligen Schrift, dass sie ihres Unglaubens wegen der Muttergottes viel Leid zugefügt haben.

Durch ihre Einsamkeit während des öffentlichen Lebens Jesu hat die Heilige Jungfrau unzählige Gnaden für uns verdient. Sie steht vor uns da als Miterlöserin, in ihren Opfern zutiefst vereint mit dem Lebensopfer ihres Sohnes für unser ewiges Heil.