Porträt der Patriotischen Vereinigung chinesischer Katholiken (Teil 5)

11. August 2022
Quelle: fsspx.news
Kaiser Puyi, letztes Mitglied der Qing-Dynastie

Dieser und die folgenden Artikel sollen einen ganz besonderen Teil der Realität darstellen, die das Leben der Katholiken in China beeinflusst. Denn die Katholiken Chinas haben nur die Wahl, sich entweder der Kommunistischen Partei Chinas unterzuordnen oder im Untergrund in Acht und Bann zu geraten und vielleicht ihr Leben zu verlieren. Der Artikel wird außerhalb Chinas online gestellt. So kann der unwissende Leser, unter anderem die Herausforderungen des Abkommens zwischen China und dem Vatikan verstehen, das im Oktober erneuert werden soll.

Vierzig Jahre nach der Gründung der Patriotischen Vereinigung chinesischer Katholiken ist es möglich, den Zweck und die Ziele zu entschlüsseln, die die Führer der Kommunistischen Partei Chinas mit eben dieser Gründung erreichen wollten.  

I. Verhalten und Vorgehen der Kommunistischen Partei Chinas bei der Transformation religiöser Volkskulturen 

Den Kommunisten fiel das Erbe einer alten Tradition nach ihrer Machtübernahme in den Schoß. Wie waren die Tempel und das Mönchtum zu kontrollieren? 

Bis zum Fall der Qing-Dynastie im Jahr 1911 war die administrative Kontrolle der Religionen eine der Funktionen, die dem Ministerium für Anbetung (Li Pu) vorbehalten waren. Li Pu war einer der sechs Zentralverwaltungsbereiche des chinesischen Reiches. Eine der Funktionen des Ministeriums bestand darin, zum Beispiel die offizielle Genehmigung für den Bau von Tempeln, Klöstern und Schreinen zu erteilen. 

Dabei wurde festgestellt, dass „der private Bau von Tempeln und Klöstern“ strengstens verboten war. „Jede Verletzung dieser Bestimmung durch buddhistische und taoistische Priester wird mit hundert Stockschlägen bestraft, gefolgt von der Reduzierung auf den säkularen Staat und der Gefangenschaft in einer Garnison der Grenzen; Diese Verletzung durch Nonnen hingegen wird mit der Versklavung in den Familien hochrangiger Beamter bestraft.“ 

Die relative Wirksamkeit dieser gesetzlichen Verfügungen spiegelt den Grad der staatlichen Kontrolle über einen wichtigen Aspekt des religiösen Lebens des Volkes wider. Quellen verraten: „Zu Beginn der Qing-Dynastie, im siebzehnten Jahrhundert, gab es 12.482 Klöster und Tempel, die durch kaiserliches Dekret gegen 64.140 ohne offizielle Genehmigung errichtet wurden. 84 Prozent von ihnen existierten daher ohne eine offizielle Genehmigung der Regierung, entgegen jeder Bestimmung der Behörden.“ Doch es gab andere, effektive Arten der Kontrolle. Unabhängig davon, ob ein Tempel oder ein Kloster offiziell genehmigt wurde oder nicht, unterlagen seine Anhänger anderen Kontrollen. 

Die erste war eine Genehmigung durch das Ministerium für Anbetung, die bis ins zehnte Jahrhundert zurückreichte und bis zur republikanischen Periode in Kraft blieb. Dieses Genehmigungsdokument bezog sich auf Privilegien wie „Befreiung von der Wehrpflicht, Zwangsarbeit und polizeilicher Überwachung“. Diese festgesetzten und tradierten Normen sahen bei Verstößen auch die Rückkehr des Betroffenen in den säkularen Staat vor. 

Eine zweite Regel verlangte, dass nach dem Tod eines buddhistischen oder taoistischen Priesters sein Zertifikat an die zuständigen Behörden zurückgegeben werden musste. Darüber hinaus wurde ihm zu Lebzeiten, nach dem vierzigsten Lebensjahr, das Recht zuerkannt, einen einzelnen Novizen vorzubereiten und auszubilden, der dazu bestimmt war, seine Nachfolge anzutreten. 

So war der Staat in der Lage, den Zugang zu religiösen Ämtern zu kontrollieren, die mit der Ausübung von Autorität verbunden waren. Er behielt sich die Möglichkeit vor, die Genehmigung zur Ausübung des Dienstes der Anbetung zu entziehen, und begrenzte die Anzahl derer, die diesen Ämtern beitraten. „Die Anwendung dieser Regeln wurde von religiösen Beamten immer gewissenhaft befolgt, und die zuständigen Behörden haben sie bis in die Neuzeit durchgesetzt.“ 

Eine weitere Regel, die bis in die Neuzeit wirkte, war, dass ein buddhistischer oder taoistischer Beamter, der „die Angelegenheiten der Regierung mit ketzerischen Positionen stört, mit der Todesstrafe rechnen muss“. Seit Jahrhunderten sorgte die Zentralregierung dafür, dass im religiösen Bereich keine Abweichungen auftraten und vor allem, dass die Religion nicht von den engen Bindungen der Unterwerfung unter die Institutionen des Staates abweicht und eine Rolle im Dienst der Macht und der Einheit des Landes behält. 

Die vorgesehenen Strafen waren sehr detailliert, ebenso wie die Liste der Straftaten. Die größte Härte wurde auf den Fall der Rebellion angewendet, die von religiösen Bewegungen organisiert wurde, die häretische Positionen einnahmen oder Widerstand in Bezug auf die konstituierte Macht und die von der Tradition vermittelten Gewohnheiten leisteten. Die Verfolgung traf besonders diejenigen, die „einen religiösen Führer als Meister anerkannten oder diese falschen Positionen an Missionare weitergaben“. 

„Die Tradition der politischen Herrschaft über die organisierte Religion“, schreibt C. K. Yang, „war so hartnäckig, dass selbst während der republikanischen Periode, als ein Großteil der rechtlichen Kontrollen über die Religion gelockert wurde, die Entwicklung einer religiösen Bewegung immer noch weitgehend von der Unterstützung einer prominenten politischen Persönlichkeit abhing. Die Ausbreitung einer buddhistischen Bewegung in der Provinz Hunan Mitte der 1920er Jahre war zu einem großen Teil auf die Schirmherrschaft des Provinzgouverneurs Tang Shengzhi, eines frommen Buddhisten, zurückzuführen. Mit seiner Unterstützung brachte die Hunan  Association for Buddhist Conversion (Hunan  Fuhua Hui) ein riesiges Netzwerk von Organisationen für buddhistische Bildung und Anbetung in dem Gebiet hervor. Aber als Tang abgesetzt wurde, endete die ganze Bewegung so schnell, wie sie begonnen hatte.“ 

Yang bemerkt weiter, dass „historische Fakten die allgemeine Behauptung verschleiern, dass es nie einen langwierigen Konflikt zwischen dem (chinesischen) Staat und der Religion gegeben hat. Zumindest in einem Fall, über einen Zeitraum von mehr als 500 Jahren, zwischen dem fünften und zehnten Jahrhundert, wurde eine ständige einseitige Verfolgung des Staates gegen die Religion ausgeübt und nicht ein Kampf zwischen zwei gleichwertigen Kräften. Zu keiner Zeit ist es vorgekommen, dass der Staat seine „Herrschaftsposition“ über die organisierte Religion verliert.“ 

Die Politik und das Handeln der Kommunistischen Partei Chinas werden sich an diesen sehr alten Traditionen orientieren. Denn diese ordnen die Beziehung zwischen dem Staat und der organisierten Religion und setzen die imperiale Ausrichtung des staatlichen Systems fort. Dabei werden die sowjetischen Erfahrungen in dem Bereich sicher beispielhaft sein. 

Kommunistische Staaten waren immer bemüht, Kontrollsysteme über das Christentum zu entwickeln. Das Christentum war für China eine organisierte Religion, die das Leben Chinas nicht unmaßgeblich beeinflusste. Das kommunistische Imperium, das nicht in der Lage war, das Christentum insbesondere wegen der bestehenden Verbindungen zwischen christlichen Konfessionen und europäischen Mächten zu brechen, hat es dafür einfach aufs Land verbannt und „außerhalb der Mauern der Städte“ gehalten. 

Fortsetzung folgt...