Rom ist ohne Papst. Bergoglio ist da, Petrus ist nicht da.

01. März 2021
Quelle: fsspx.news

Nachfolgende Überlegungen veröffentlichen wir gerne mit Erlaubnis des Autors. Sie heben in kluger Weise die Tatsache hervor, dass Franziskus trotz der Flut von Aktivitäten, der er sich hingibt, – in der Praxis – darauf verzichtet, sein Amt als „Stellvertreter Christi“ auszuüben. Diese einfache Beobachtung präsentieren wir wegen ihrer Richtigkeit und nicht im Hinblick auf eine theologische und kanonische Schlussfolgerung, die Franziskus den Titel des Papstes absprechen würde.

Die Verwendung seines Nachnamens zur Bezeichnung des Papstes ist im Italienischen üblich (papa Pacelli, papa Montini...) und bedeutet keine Verweigerung der Anerkennung seines Pontifikats, auch wenn - wie der Autor zeigt - der Papst selbst auf die Verpflichtungen seines Amtes verzichtet: „Stärke deine Brüder im Glauben“, eine Verpflichtung, der unser Herr die Bedingung „einmal bekehrt“ vorangestellt hat. Um dieser Bekehrung willen ist das Gebet für den Papst heute notwendiger denn je: „Dominus conservet eum... et non tradat eum in animam inimicorum ejus; Gott möge ihn bewahren und nicht dem Hass seiner Feinde überlassen.“

Aldo Maria Valli ist einer der bekanntesten Vatikanisten in Italien. Aber in diesem Text kommt mehr als anderswo vor allem die christliche Seele eines wahren Sohnes der Kirche zum Ausdruck.

Rom ist ohne Papst. Die These, die ich vertreten will, lässt sich in diesen vier Worten zusammenfassen. Wenn ich Rom sage, dann meine ich nicht nur die Stadt, deren Bischof der Papst ist. Ich sage Rom, und meine damit die Welt, um die aktuelle Realität zu beschreiben.

Der Papst ist zwar physisch da, aber er ist nicht wirklich da, weil er nicht als Papst handelt. Er ist da, aber er nimmt seine Aufgabe als Nachfolger von Petrus und Stellvertreter Christi nicht wahr. Jorge Mario Bergoglio ist da, Petrus ist nicht da.

Wer ist der Papst? Die Definitionen können unterschiedlich sein, je nachdem, ob man den historischen, theologischen oder pastoralen Aspekt betonen will. Aber im Wesentlichen ist der Papst der Nachfolger Petri. Und was waren die Aufgaben, die Jesus dem Apostel Petrus zugewiesen hat? Einerseits: „Weide meine Schafe“ (Joh 21, 17); andererseits: „Alles, was du auf Erden bindest, wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16, 19).

Das ist es, was der Papst zu tun hat. Aber heute gibt es niemanden, der diese Aufgabe wahrnimmt. „Und du, wenn du dich bekehrt hast, stärke deine Brüder im Glauben“ (Lk 22, 32). So sagt Jesus zu Petrus. Aber heute weidet Petrus seine Schafe nicht und stärkt sie nicht im Glauben. Warum? Jemand könnte antworten: weil Bergoglio nicht von Gott spricht, sondern nur von Migranten, Ökologie, Wirtschaft, sozialen Fragen. Dies ist nicht der Fall. In Wirklichkeit spricht Bergoglio auch von Gott, aber aus seiner ganzen Predigt geht ein Gott hervor, der nicht der Gott der Bibel ist, sondern ein verfälschter Gott, ein Gott, den ich als entmachtet oder, besser gesagt, angepasst bezeichnen würde. An was? An den Menschen und seinen Anspruch, berechtigt zu sein, so zu leben, als gäbe es die Sünde nicht.

Bergoglio hat sicherlich die sozialen Fragen in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt und scheint, mit sporadischen Ausnahmen, den gleichen Obsessionen verfallen zu sein wie die von der politischen Korrektheit beherrschte Kultur, aber ich glaube, dass dies nicht der tiefgreifende Grund ist, warum Rom ohne Papst ist. Selbst wenn man soziale Themen bevorzugen will, kann man trotzdem eine authentisch christliche und katholische Perspektive haben. Die Frage bei Bergoglio ist eine andere, und zwar, dass die theologische Perspektive schief ist. Und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: Weil der Gott, von dem Bergoglio zu uns spricht, nicht darauf ausgerichtet ist, zu vergeben, sondern die Schuld zu leugnen.

In Amoris laetitia lesen wir, dass die „Kirche ihre zerbrechlichsten Kinder mit Sorgfalt und Sorge begleiten muss“. Es tut mir leid, aber das ist nicht wahr. Die Kirche muss die Sünder bekehren.

Wir lesen in Amoris laetitia auch, dass „die Kirche es nicht versäumt, konstruktive Elemente in jenen Situationen zu schätzen, die noch nicht oder nicht mehr ihrer Lehre über die Ehe entsprechen.“ Es tut mir leid, aber das sind zweideutige Worte. In den Situationen, die ihrer Lehre nicht entsprechen, mag es zwar „konstruktive Elemente“ geben (aber dann in welchem Sinn?), aber die Kirche hat nicht die Aufgabe, solche Elemente in ihrem Wert hervorzuheben, sondern zur göttlichen Liebe zu bekehren, an die man sich durch die Einhaltung der Gebote hält.

In Amoris laetitia lesen wir auch, dass das Gewissen der Menschen „nicht nur erkennen kann, dass eine Situation objektiv nicht dem allgemeinen Vorschlag des Evangeliums entspricht; es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für den Augenblick die großzügige Antwort ist, die Gott angeboten werden kann, und mit einer gewissen moralischen Gewissheit entdecken, dass dies die Gabe ist, zu der Gott selbst inmitten der konkreten Komplexität der Begrenzungen einlädt, auch wenn sie noch nicht ganz das objektive Ideal ist.“ Wieder die Zweideutigkeit. Erstens: Es gibt keinen „allgemeinen Vorschlag“ des Evangeliums, an den man sich mehr oder weniger halten kann. Es gibt das Evangelium mit seinem sehr präzisen Inhalt, es gibt die Gebote mit ihrer bindenden Kraft. Zweitens: Gott kann nie und nimmer von uns verlangen, in der Sünde zu leben. Drittens: Niemand kann behaupten, „eine gewisse moralische Gewissheit“ darüber zu besitzen, was Gott „inmitten der konkreten Komplexität der Grenzen verlangt.“ Diese nebulösen Ausdrücke haben nur einen Sinn: moralischen Relativismus zu legitimieren und sich über die göttlichen Gebote lustig zu machen.

Dieser Gott, der sich mehr als alles andere für die Entlastung des Menschen einsetzt, dieser Gott auf der Suche nach mildernden Umständen, dieser Gott, der nicht auf das Befehlen verzichtet und das Verstehen vorzieht, dieser Gott, der „uns nahe ist wie eine Mutter, die ein Wiegenlied singt“, dieser Gott, der kein Richter ist, sondern „Nähe“, dieser Gott, der von der menschlichen „Gebrechlichkeit“ und nicht von der Sünde spricht, dieser Gott, der sich der Logik der „seelsorgerischen Begleitung“ beugt, ist eine Karikatur des Gottes der Bibel. Denn Gott, der Gott der Bibel, ist zwar geduldig, aber nicht laxistisch; er ist zwar liebevoll, aber nicht permissiv; er ist zwar fürsorglich, aber nicht ausgleichend. Mit einem Wort, er ist Vater im vollsten und authentischsten Sinne des Wortes.

Die von Bergoglio eingenommene Perspektive scheint stattdessen die der Welt zu sein: die oft nicht die Idee Gottes ganz ablehnt, sondern die Züge, die weniger mit der zügellosen Freizügigkeit in Einklang stehen. Die Welt will keinen wahren Vater, der in dem Maße liebevoll ist, wie er auch richtet, sondern einen Freund; oder besser noch, einen Wegbegleiter, der alles geschehen lässt und sagt: „Wer bin ich, dass ich richte?“.

Ich habe bei anderen Gelegenheiten geschrieben, dass mit Bergoglio eine Vision triumphiert, die die wahre [katholische] Vision umstößt: Es ist die Vision, nach der Gott keine Rechte, sondern nur Pflichten hat. Er hat nicht das Recht, würdig verehrt und nicht verspottet zu werden. Er hat jedoch die Pflicht, zu vergeben. Andererseits hat nach dieser Ansicht der Mensch keine Pflichten, sondern nur Rechte. Er hat das Recht, dass ihm vergeben wird, aber nicht die Pflicht, sich zu bekehren. Als ob es eine Pflicht Gottes zum Vergeben und ein Recht des Menschen auf Vergebung geben könnte.

Deshalb erscheint mir Bergoglio, der als Papst der Barmherzigkeit dargestellt wird, als der am wenigsten barmherzige Papst, den man sich vorstellen kann. In der Tat vernachlässigt er die erste und grundlegende Form der Barmherzigkeit, die ihm und seiner alleinigen Verantwortung obliegt: das göttliche Gesetz zu predigen und damit den menschlichen Geschöpfen von der Höhe der höchsten Autorität aus den Weg zum Heil und zum ewigen Leben zu zeigen.

Wenn Bergoglio sich einen solchen „gott“ ausgedacht hat, – den ich bewusst klein schreibe, denn er ist nicht der eine und dreifaltige Gott, den wir anbeten – dann deshalb, weil es für Bergoglio keine Schuld gibt, für die der Mensch um Vergebung bitten muss, weder persönlich noch kollektiv, weder eine Erbsünde noch eine aktuelle. Aber wenn es keine Schuld gibt, gibt es auch keine Erlösung; und ohne die Notwendigkeit der Erlösung hat die Menschwerdung keinen Sinn, noch weniger das Heilswerk der einzigen Arche des Heils, der heiligen Kirche. Man fragt sich, ob dieser „gott“ nicht vielmehr die simia Dei [der Affe Gottes], der Satan, ist, der uns gerade dann zur Verdammnis treibt, wenn er leugnet, dass die Sünden und Laster, mit denen er uns verführt, unsere Seele töten und uns zum ewigen Verlust des höchsten Gutes verdammen können.

Rom ist also ohne Papst. Aber wenn es in Guido Morsellis vatikanischer Dystopie (der Roman trägt genau den Titel Rom ohne Papst) physisch so war, weil dieser imaginäre Papst nach Zagarolo gegangen war, um dort zu leben, so ist Rom heute auf eine viel tiefere und radikalere Weise ohne Papst.

Ich spüre schon den Einwand: Aber wie kann man sagen, dass Rom ohne Papst ist, wenn Franziskus überall ist? Er ist im Fernsehen und in den Zeitungen. Er war auf den Titelseiten von Times, Newsweek, Rolling Stone, sogar von Forbes und Vanity Fair. Er ist auf Websites und in einer unendlichen Anzahl von Büchern zu finden. Er wird von allen interviewt, sogar von der Gazzetta dello Sport. Vielleicht war noch nie ein Papst so präsent und so populär. Ich antworte: Alles richtig, aber das ist Bergoglio, das ist nicht Petrus.

Dass der Stellvertreter Christi sich mit den Dingen der Welt beschäftigt, ist sicher nicht verboten, im Gegenteil. Der christliche Glaube ist ein fleischgewordener Glaube und der Gott der Christen ist ein Gott, der Mensch wird, der Geschichte wird, deshalb scheut das Christentum die Übertreibungen des Spiritualismus. Aber es ist eine Sache, in der Welt zu sein, und eine andere, wie die Welt zu werden. Indem er spricht, wie die Welt spricht, und argumentiert, wie die Welt argumentiert, hat Bergoglio Petrus verflüchtigen lassen und sich selbst in den Vordergrund gestellt.

Ich wiederhole: Die Welt, unsere Welt, die aus der Achtundsechziger-Revolution hervorgegangen ist, will keinen wahren Vater haben. Die Welt bevorzugt den Begleiter. Die Lehre des Vaters, wenn er ein wahrer Vater ist, ist anstrengend, denn sie zeigt den Weg der Freiheit in der Verantwortung. Es ist viel angenehmer, jemanden an der Seite zu haben, der sich darauf beschränkt, einem Gesellschaft zu leisten, ohne klare Hinweise zu geben. Und Bergoglio tut genau das: Er zeigt einen Gott, der kein Vater, sondern ein Begleiter ist. Es ist kein Zufall, dass Bergoglios „Kirche im Aufbruch“, wie der gesamte Modernismus, das Verb „begleiten“ mag. Es ist eine Begleitkirche, die alles rechtfertigt (mittels eines verzerrten Begriffs von „Unterscheidungsvermögen“) und am Ende alles relativiert.

Der Beweis dafür ist der Erfolg, den Bergoglio bei den [dem Glauben] Fernstehenden hat, die sich in ihrer Abgeschiedenheit bestätigt fühlen, während die Nahestehenden, desorientiert und ratlos, sich überhaupt nicht im Glauben bestätigt fühlen.

Jesus ist bei diesem Thema ziemlich eindeutig. „Wehe, wenn euch alle Menschen schöntun“. (Lk 6,26). „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen, aus ihrer Gemeinschaft ausstoßen, euch schmähen und in Verruf bringen um des Menschensohnes willen“ (Lk 6,22).

Immer wieder taucht das Gerücht auf, dass Bergoglio wie Benedikt XVI. über einen Rücktritt nachdenkt. Ich glaube, er hat keine solchen Pläne, aber das Problem ist ein ganz anderes. Das Problem ist, dass Bergoglio de facto zum Protagonisten eines Prozesses der Entäußerung von den Pflichten des Petrus geworden ist.

Ich habe bereits an anderer Stelle geschrieben, dass Bergoglio nun Kaplan der Vereinten Nationen geworden ist, und ich denke, diese Entscheidung ist von beispielloser Schwere. Noch schwerwiegender als sein Festhalten an der UN-Agenda und der politischen Korrektheit ist jedoch, dass er es aufgegeben hat, zu uns vom Gott der Bibel zu sprechen, und dass der Gott, der im Mittelpunkt seiner Predigten steht, ein Gott ist, der entschuldet, nicht vergibt.

Die Krise der Vaterfigur und die Krise des Papsttums gehen Hand in Hand. So wie der Vater, verworfen und demontiert, zu einem allgemeinen Begleiter ohne Anspruch, den Weg zu weisen, geworden ist, so hat auch der Papst aufgehört, Träger und Ausleger des objektiven göttlichen Gesetzes zu sein, und es vorgezogen, ein einfacher Begleiter zu werden.

So hat sich Petrus gerade dann verflüchtigt, als wir ihn am meisten brauchten, um uns Gott als vollkommenen Vater zu zeigen: ein liebender Vater – nicht, weil er neutral ist, sondern weil er richtet; barmherzig – nicht, weil er permissiv ist, sondern weil er uns den Weg des wahren Guten zeigen will; barmherzig – nicht, weil er alles relativiert, sondern weil er uns den Weg zur Erlösung zeigen will.

Ich stelle fest, dass der Geltungsdrang, in dem Bergoglios Ego schwelgt, keine Neuheit ist, sondern zu einem guten Teil auf den neuen anthropozentrischen Ansatz des Konzils zurückgeht, aus dem heraus Päpste, Bischöfe und Kleriker sich selbst vor ihr heiliges Amt, ihren eigenen Willen vor den der Kirche, ihre eigenen Meinungen vor die katholische Rechtgläubigkeit, ihre eigenen liturgischen Extravaganzen vor die Heiligkeit des Ritus gestellt haben.

Diese Personalisierung des Papsttums ist explizit geworden, seit der Stellvertreter Christi, der sich als „einer wie wir“ darstellen wollte, auf den Plural der Demut verzichtete, mit dem er früher gezeigt hatte, dass er nicht in einer persönlichen Eigenschaft sprach, sondern zusammen mit allen seinen Vorgängern und dem Heiligen Geist selbst. Denken wir darüber nach: Dieses heilige Wir, das Pius IX. bei der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis und den heiligen Pius X. bei der Verurteilung des Modernismus erzittern ließ, hätte niemals benutzt werden können, um den götzendienerischen Kult der Pachamama zu unterstützen, noch um die Zweideutigkeiten von Amoris laetitia oder den Indifferentismus von Fratelli tutti zu formulieren.

Was den Prozess der Personalisierung des Papsttums betrifft (zu dem das Aufkommen und die Entwicklung der Massenmedien sehr viel beigetragen haben), so muss man sich daran erinnern, dass es eine Zeit gab, zumindest bis einschließlich Pius XII., in der es den Gläubigen egal war, wer der Papst war, weil sie in jedem Fall wussten, dass er, wer auch immer er war, immer die gleiche Lehre verkünden und die gleichen Irrtümer verurteilen würde. Indem sie dem Papst applaudierten, applaudierten sie nicht so sehr demjenigen, der in diesem Moment auf dem heiligen Thron saß, sondern dem Papsttum, dem heiligen Königtum des Stellvertreters Christi, der Stimme des Obersten Hirten, Jesus Christus.

Bergoglio, der sich nicht gerne als Nachfolger des Apostelfürsten präsentiert und im Päpstlichen Jahrbuch die Bezeichnung „Stellvertreter Christi“ in den Hintergrund rücken lässt, trennt sich implizit von der Autorität, die unser Herr dem Petrus und seinen Nachfolgern verliehen hat. Und dies ist nicht eine rein kanonische Frage. Es ist eine Realität, deren Folgen für das Papsttum sehr ernst sind.

Wann wird Petrus zurückkehren? Wie lange wird Rom ohne Papst bleiben? Unnütz, sich das zu fragen. Gottes Pläne sind geheimnisvoll. Wir können nur zu unserem himmlischen Vater beten und sagen: „Dein Wille geschehe, nicht der unsere. Und hab Erbarmen mit uns Sündern.“