Rosa Mystica 2022: Bei den Mamanwas

20. September 2022
Quelle: fsspx.news

Von unserer Sonderkorrespondentin auf den Philippinen, Fabienne von Geofroy.

Heute sind wir in Santa Lucia. 

Die Zahl der Patienten ist zwar geringer, da die Gesundheitsbehörden immer noch Angst vor großen Menschenansammlungen haben, aber die Arbeit bleibt intensiv, vor allem für die Optikerinnen, die einen enormen Erfolg verzeichnen. Die Brillen, die dieses Jahr von den Schulen der Dominikanerinnen gesammelt wurden, fanden problemlos Käufer! 

Unser moldawischer Chirurg Alexandru kann seine Kunst bei einigen Lipom-Exzisionen ausüben, und Dr. de Geofroy kümmert sich ums Zähneziehen: Er sollte einem dreizehnjährigen Mädchen „ein Traumlächeln zaubern“. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Lächeln ohne Zähne oder ein Lächeln mit schon in der Kindheit verdorbenen Zähnen schöner ist… Denn die Kinder in den Slums haben statt des zu teuren, unerschwinglichen Obstes ständig einen Lolli oder andre Süßigkeiten im Mund. 

Neben den auf den Philippinen üblichen Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck diagnostizierten die Ärzte auch Fälle von Tuberkulose, Krätze und Bilharziose - einer parasitären Krankheit, die in Gebieten mit unsauberem Wasser häufig vorkommt. 

Ein dreijähriges Kind stellte sich mit einem Herzfehler vor, der einen chirurgischen Eingriff erforderte. Dasselbe gilt für eine 35-jährige Witwe und Mutter eines fünfjährigen Kindes mit einem komplizierten Tumor. Die Catholic Association of Nurses, Doctors and Health Professional in Asia (ACIM-Asia) kann diese Art von medizinschen Problemfällen im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten zum Glück behandeln. 

Ein kleiner Rundgang durch das Viertel, bei dem wir zwei junge Mädchen nach Hause begleiten, zeigt uns den „Stand der Dinge“. Auch wenn die traditionelle Behausung mit Strohhütten auf Stelzen einen gewissen Charme hat, haben ihn die wenigen Bauten aus rohen Quadern oder Wellblech, die sie nach Klimakatastrophen ersetzen, verloren. Das Haus unserer beiden jungen Freundinnen ist eine armselige Hütte inmitten vieler anderer, in der ein Vater mit seinen sechs Kindern lebt. Die Mutter ist wie viele philippinische Frauen nach Saudi-Arabien gegangen, um dort als Hausangestellte das Brot für die Familie zu verdienen. Sie kommt so gut wie nie zurück und ihre fünfzehnjährige Tochter muss sie zu Hause ersetzen. 

Die Schule ist zwar kostenlos, aber Zusatzkosten fallen ständig an und sind kaum zu leisten. Diese Jugendlichen bräuchten Patenschaften, um einen Beruf zu erlernen. Andernfalls geraten sie häufig genug in den Teufelskreis des Elends, der sie sehr oft in die Prostitution oder bestenfalls ins Ausland treibt... Viele Familien sind dann ohne Vater oder Mutter und die älteren Kinder müssen sich in sehr jungen Jahren um ihre jüngeren Geschwister kümmern. Zehn Prozent der philippinischen Bevölkerung gehen ins Ausland, um auf diese Weise ihre Familien zu unterstützen. Am frühen Nachmittag müssen wir den Ort verlassen, um nach Cantugas zu fahren, wo wir uns für zwei Tage bei den Mamanwas einquartieren werden, einem Aborigines-Stamm, bei dem Pfarrer Thimothy Pfeiffer 2020 eine Mission eröffnet hat. 

Nach einer zweistündigen Fahrt in den Norden der Halbinsel Surigao erreichten wir ein weiteres vergessenes Dorf, das der Mamanwas. Dieser nomadische Aborigine-Stamm wurde seines angestammten Landes beraubt – schöne, bewaldete Berge, die an den herrlichen Mainit-See grenzen. Sie wurden zum Objekt der Begierde der „Stadtmenschen“. Die Stämme wurden daher vor einigen Jahrzehnten von der Regierung umgesiedelt und sesshaft gemacht. Sie wurden in Blockhäusern angesiedelt und erhielten etwas Ackerland in der Ebene, über der das Land ihrer Vorfahren liegt. Vielleicht um ihr Gewissen zu beruhigen, haben die Regierungsgesetze verfügt, dass nun „ihre Stammesidentität und -kultur bewahrt“ werden müsse. 

Das Ergebnis dieser widersprüchlichen und ideologisierten Politik sah unsere Krankenschwester Yolly sofort: Die Menschen wurden in Unwissenheit, ohne Schulbildung und in geistiger Dunkelheit gehalten. Dies war ein Hemmschuh für die Evangelisierung, da sich die kirchlichen Behörden viele Jahre lang dem Diktum der Regierung beugten.  Als Pater Timothy Pfeiffer im Jahr 2020 die neue Missionsstation eröffnete, musste er sich nach einer Begegnung mit Stammesmitgliedern mit einer schwierigen Situation auseinandersetzen, die ihm der Stammesführer des Dorfes erklärte: Der tiefe Wunsch, unterrichtet zu werden, vermischte sich mit der Angst vor der Unzufriedenheit der Zivilbehörden, die unweigerlich zum Verlust der staatlichen Unterstützung führen würde. Hinzu kamen die Covid-Krise und die sehr streng gehandhabte Quarantäne, da die örtlichen Behörden Angst vor „Fremden“ hatten und für Reisen immer wieder neue Passierscheine ausgestellt werden mussten.  

Ein kurzer Blick zurück wird die Anwesenheit dieser Mission an dem abgelegenen Ort verdeutlichen: An einem Abend im Dezember 2019, in der Hauptstadt von Mindanao, 300 Kilometer südlich von unserem Standort, sah Vater Tim im Hintergrund seiner Kirche in Davao, wie sich einige verdächtige Schatten bewegten. Er entdeckte bettelnde Asylbewerber, die von der Polizei verfolgt wurden, da das Betteln in der Stadt verboten ist. Es waren Mamanwas, die aus ihrem Dorf Cantugas heruntergekommen waren, um in der Weihnachtszeit die Hand auszustrecken. Pater Tim hörte sich ihre Geschichte an, füllte ihre Hände mit Reis und Süßigkeiten und ihr Herz, indem er ihnen vom lieben Gott und der Heiligen Jungfrau erzählte, ihnen die wundertätige Medaille schenkte. Anschließend versprach er ihnen, sie zu Hause zu besuchen.  

Diese vielsagende Begegnung ließ ihn mit dem Eifer und der Entschlossenheit, die man von ihm kennt, in ein missionarisches Abenteuer starten. Mit seinen Katechisten aus Butuan und der treuen und unermüdlichen Yolly, einer Dauerkraft von ACIM-Asia, Krankenschwester und Katechetin, wollte Pater Tim sein Versprechen bald einlösen. Schon im Februar 2020 konnte Yolly in das Dorf ziehen und mit ihrer Arbeit beginnen. Trotz vieler Hindernisse gelang es der umtriebigen Krankenschwester, das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen. Yolly brachte viel Geduld auf, passte sich der üblichen Lebensweise an. So bereitete sie ohne Hast, sanft und beharrlich ihre Seelen darauf vor, die Gnade zu empfangen. Zwei Jahre später, um Ostern 2022 herum, konnte Pater Tim schließlich etwa 20 Personen, Erwachsene und Kinder, taufen.  

Die Franziskaner im 17. Jahrhundert und die Jesuiten im 19. Jahrhundert waren der Meinung, dass diese Völker „schwer zu bekehren“ seien. Sie hatten es deshalb vorgezogen, sich an die empfänglicheren Bewohner des Tieflandes zu wenden. Pater Tim fand jedoch einige Reste des Katholizismus, die vor den Gesetzen zur „kulturellen Bewahrung“ gelehrt wurden. Er musste sich mit dem Heidentum und seinen Anhängern auseinandersetzen, die ihm nach der ersten Messe, die er dort zelebrierte, den Zugang zum Gemeindehof verweigerten. Protestantische Sekten betreiben viel Proselytismus und ihre finanziellen Mittel ermöglichen es ihnen, viele Menschen anzuziehen. Aber der Stammesführer und seine Frau, die von Yolly das Rosenkranzgebet gelernt hatten, bleiben dem sonntäglichen Rosenkranzgebet nach wie vor treu, wie sie es Pater Tim versprochen haben. Der Empfang, der den Freiwilligen an diesem Dienstagabend, dem 13. September, bereitet wurde, die marianische Prozession, die die Mission unmittelbar nach ihrer Ankunft eröffnete, gefolgt von Dutzenden von begeisterten und vor Freude übersprudelnden Kindern, ist der Beweis dafür, dass man noch nie gehört hat, dass jemand, der sich an den Schutz unserer himmlischen Mutter gewandt hat, im Stich gelassen wurde... 

Vor zwei Jahren wussten die Kinder und viele Erwachsene im Dorf nicht, wie man kniet, die Hände faltet und betet. Hinter der Statue Unserer Lieben Frau von den Sieben Schmerzen auf den Wegen des Dorfes sangen die Kinder lauthals das Ave Maria auf Latein und Visaya. Am Abend, bei der kleinen Willkommensvigil, baten uns diese „vergessenen Kinder“ der Welt mit ihren vor Dankbarkeit leuchtenden Augen einfach darum, „ihnen die Hand zu reichen, um sie in ein anderes Morgen zu führen...“. Als wir ihnen zuhörten, wie sie dieses bekannte Lied sangen, das ihre Katechisten ihnen in die Landessprache übersetzt und für uns gelernt hatten, wurde uns klar, dass für sie und ihr Volk ganz am Ende des Weges endlich ein goldenes Licht leuchtet. 

Die Morgenmesse wurde unter dem Dach des ersten Gebäudes eines Komplexes gefeiert, den Pater Tim zu bauen plant und der eine Kapelle, von der man bereits die ersten Fundamente sehen kann, sowie einen Katechismusraum umfassen wird. Der Traum von Bepi, der Frau des Stammesführers, wird offenbar wahr. Vor vielen Jahren sah diese Frau, die ihre Kinder an Bilharziose verloren hatte, im Traum das Heilige Herz, das über dem Dorf weinte, und sie dachte, dass ER traurig sei, weil die Menschen im Dorf nicht beteten und keinen Ort hatten, um Ihn zu ehren. Bisher hatte sie niemandem davon erzählen können, sie vertraute sich aber Krankenschwester Yolly an und siehe da, dank der Spenden, die während der Rosa-Mystica-Fastenaktion bei den Dominikanerinnen in Fanjeaux gesammelt wurden, wird nun eine Kapelle aus dem Boden gestampft! Es bedarf allerdings noch großzügiger Spender, damit das schöne Projekt zu Ende geführt werden kann. 

Über 150 Patienten meldeten sich heute morgen zur Konsultation an. Untätigkeit gibt es nicht. Die Sprechstunden finden in der Schule statt, die an diesen beiden Tagen geschlossen ist. Die Mehrheit der Kinder hatte sich aufgrund der Dienstreise entschieden, nicht dorthin zu gehen. Es ist das Ereignis des Jahres! Die Direktorin gab ihnen frei ... Neben den üblichen Krankheitsbildern musste man ein dreijähriges Kleinkind wegen eines akuten Asthmaanfalls ins Krankenhaus schicken und zwei schwangere Frauen wegen Präeklampsie. Es wurden zwei Hausbesuche gemacht: bei der 27-jährigen Tochter einer der Schullehrerinnen, die infolge einer Hyper-Sauerstofftherapie erblindete und ohne Behandlung regelmäßig Krämpfe hat, und bei einem 60-jährigen Mann mit Herzversagen und Atembeschwerden. 

Bei den Konsultationen stellen wir fest, dass die große Mehrheit der Frauen kostenlos Verhütungsmittel erhält, bei einigen wurden die Eileiter angebunden. Was Abbé Couture und Dr. Dickès vor nunmehr zwanzig Jahren befürchtet hatten, ist leider eingetreten: Die „reproduktive Gesundheit“ wird offensichtlich eingeführt. Jean-Pierre Dickès hatte auf den Aufruf von Abbé Couture hin 2004 eine Vortragstournee durch die medizinischen Fakultäten unternommen, um die Angehörigen der Gesundheitsberufe vor dieser großen Gefahr zu warnen. Diese Tournee war der Ursprung der Rosa-Mystica-Missionen, die in diesem Jahr fünfzehn werden. 

Das Resümee eines der Soldaten, die für unsere Sicherheit zuständig sind, lässt uns den Bericht über den dritten Tag der Mission harmonisch beenden: „Diese Gemeinschaft ist gesegnet, weil ihr vom Himmel gesandt seid, um diesen armen Menschen kostenlose medizinische Versorgung zukommen zu lassen!“ 

Fortsetzung folgt...