Skandal: Prozessbeginn in Hongkong

16. November 2022
Quelle: fsspx.news
West-Kowloon-Tribunal

Der für den 19. September 2022 angesetzte Prozess gegen den 90-jährigen Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, emeritierter Bischof von Hongkong, wurde eine Woche später eröffnet. Nach zweitägigen Sitzungen vertagte das Bezirksgericht in West Kowloon, Hongkong, die Verhandlung auf den 26. Oktober.

Die Agentur der Missions Etrangères de Paris gibt an, dass der Prozess fünf Tage dauern sollte. Kardinal Zen und vier Mitangeklagte wurden angeklagt, weil sie den mittlerweile aufgelösten Fonds „612 Humanitarian Relief Fund“ nicht registriert hatten. 

Kardinal Zen war am 11. Mai im Rahmen des von Peking verhängten Gesetzes zur nationalen Sicherheit wegen „Verschwörung mit ausländischen Kräften“ festgenommen und auf Kaution freigelassen worden. Dabei wurde es ihm verboten, Hongkong zu verlassen. Eine solche Anklage kann zu Strafen von drei Jahren bis hin zu lebenslanger Haft führen.  

Neben dem Kardinal wurden auch die Sängerin Denise Ho, die Anwältin Margaret Ng, die Akademikerin Hui Po-keung und die ehemalige Parlamentarierin Cyd Ho (heute im Gefängnis) wegen fehlender Registrierung des Fonds „612 Humanitarian Relief Fund“ angeklagt. Der Fonds hatte finanzielle, psychologische und rechtliche Unterstützung für Personen geleistet, die während der pro-demokratischen Proteste 2019 festgenommen worden waren. Alle Angeklagten plädierten auf „nicht schuldig“. 

In der ehemaligen britischen Kolonie gibt es 1121 politische Gefangene, eine Zahl, die am 29. August vom Hongkonger Demokratierat aktualisiert wurde, wie die italienische Agentur für Auslandsmissionen, Asianews, berichtet. Viele von ihnen sind bekannte Persönlichkeiten der Demokratiefront, wie der katholische Medienmagnat Jimmy Lai.  Der Gründer der unabhängigen und mittlerweile geschlossenen Tageszeitung Apple Daily, der 2021 wegen der Teilnahme an nicht genehmigten Demonstrationen verurteilt wurde, wird sich ab dem 1. Dezember wegen Bedrohung der nationalen Sicherheit vor Gericht verantworten müssen, berichten Nachrichtendienste. Zusammen mit anderen Aktivisten und Beitragenden wird Lai der „Verschwörung mit ausländischen Kräften“ beschuldigt, ein Verbrechen, das in dem drakonischen Sicherheitsgesetz, das Peking 2020 verhängte, vorgesehen ist. Das Verfahren vor dem Hohen Gericht wird voraussichtlich mehr als 30 Tage dauern: Dem Geschäftsmann droht ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe.  

In einem Artikel, der kurz nach der Verhaftung von Kardinal Zen in der Hongkonger Presse veröffentlicht wurde, zeigte sich Tony Kwok, ein pro-pekinger Akademiker, der sich auf den Kampf gegen die Korruption spezialisiert hat, von der Schuld des hohen Prälaten überzeugt. Insbesondere wegen der Annahme von rund 3,3 Millionen Euro von Jimmy Lai. Laut Kwok würde die Polizei untersuchen, ob dieses Geld „für subversive Zwecke“ oder zur Bestechung des Kardinals verwendet wurde. Der Wissenschaftler aus Hongkong verdächtigt Kardinal Zen außerdem, für den Geheimdienst der USA - und damit gegen China - zu arbeiten. 

Im Flugzeug auf dem Rückflug von Kasachstan zog Papst Franziskus es vor, nicht direkt auf eine Journalistenfrage zur Situation des emeritierten Bischofs von Hongkong zu antworten. Er sagte lediglich, dass Kardinal Zen „ein älterer Mensch sei, der sagt, was er fühlt“ (sic). Er rief dazu auf, China nicht zu verurteilen und plädierte für einen geduldigen Dialog. Der Papst erneuerte auch seine Unterstützung für Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der die volle Verantwortung für die Diplomatie mit Peking trägt. Eine Diplomatie, die Kardinal Zen nie gezögert hat, streng zu kommentieren. Insbesondere hatte er am 7. Oktober 2020 in seinem Blog die Ostpolitik des Heiligen Stuhls, von Kardinal Casaroli und Kardinal Parolin mit folgenden Worten angesprochen: „Ich befürchte, dass Kardinal Parolin nicht einmal den Glauben hat. Diesen Eindruck hatte ich, als er in einer Gedenkrede zu Ehren von Kardinal Casaroli dessen Erfolg beim Aufbau der kirchlichen Hierarchie in den kommunistischen Ländern Europas mit den Worten würdigte: „Wenn Sie Bischöfe suchen, suchen Sie keine Gladiatoren, die sich systematisch gegen die Regierung stellen und sich gerne auf der politischen Bühne zeigen“. Ich habe ihm geschrieben und ihn gefragt, ob er dort die Absicht habe, Kardinal Wyszynski, Kardinal Mindszenty und Kardinal Beran zu beschreiben.“ Er schloss: „Es gibt keine Kontinuität zwischen Benedikt XVI, der Nein zur Ostpolitik gesagt hat, und Franziskus, der Ja zur Ostpolitik gesagt hat. Es gibt die Kontinuität der Ostpolitik von Kardinal Parolin“.  

Trotz der erstaunlichen Haltung des Vatikans hat Kardinal Joseph Zen innerhalb der Kirche viele Unterstützer gefunden. Einige von ihnen seien hier genannt: 

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, emeritierter Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, sprach von einem „ungerechten Prozess“. Vor allem aber zeigte er sich enttäuscht über die fehlende Unterstützung des Kardinalskollegiums, das sich im August im Vatikan versammelt hatte: „Ich hoffe, dass man ihn nicht im Stich lassen wird, das Konsistorium wäre eine Gelegenheit für alle Kardinäle gewesen, ihre volle Solidarität mit Erzbischof Zen zu erklären.“ 

Am 1. September sagte er gegenüber Il Messaggero: „Das Schweigen dieses Konsistoriums zum Fall von Kardinal Zen gibt mir Anlass zur Sorge. Vielleicht sollte die Kirche freier sein und weniger an die Logik der Macht, an die weltliche Logik gebunden sein, folglich freier, um einzugreifen und, wenn nötig, jene Politiker zu kritisieren, die letztendlich die Menschenrechte abschaffen. In diesem Fall frage ich mich, warum man Peking nicht kritisiert (...).“ Und er fügte hinzu: „Zen ist ein Symbol und er wurde unter einem falschen Vorwand verhaftet, er hat nichts getan, er ist eine einflussreiche, mutige und von der chinesischen Regierung sehr gefürchtete Figur. Er ist über 80 Jahre alt und man hat ihn einfach allein gelassen.“ 

Der birmanische Kardinal Charles Bo, Vorsitzender der Asiatischen Bischofskonferenzen, verurteilte einen „Polizeistaat“. In einer Erklärung schrieb er: „Mein Bruder, der Kardinal, Seine Eminenz Joseph Zen, wurde aus dem einfachen Grund verhaftet und strafrechtlich verfolgt, weil er Verwalter eines Fonds war, der Aktivisten, die mit Gerichtsverfahren konfrontiert waren, Rechtsbeistand gewährte. In jedem System, in dem Rechtsstaatlichkeit herrscht, ist es ein angemessenes und akzeptiertes Recht, Personen, die mit einem Gerichtsverfahren konfrontiert sind, Unterstützung zu gewähren, damit sie ihre Prozesskosten tragen können. Wie kann es als Verbrechen angesehen werden, angeklagten Personen zu helfen, eine Verteidigung und rechtliche Vertretung zu erhalten?" 

Erzbischof Salvatore Cordileone von San Francisco flehte am 26. September auf Twitter: „Maria, Konfliktlöserin, entgegen aller Wahrscheinlichkeit bitten wir dich, für unseren Bruder Kardinal Zen Fürsprache einzulegen, damit der Gerechtigkeit Genüge getan wird und sein Herz getröstet wird." 

Msgr. Athanasius Schneider, Weihbischof in Kasachstan, bot am selben Tag auf Twitter seine Gebete an: „Wir bitten Gott um Schutz für Kardinal Joseph Zen, einen loyalen Sohn der Kirche, der sich als Angeklagter in Hongkong einem Gerichtsverfahren gegenübersieht. Möge sein Glaube ihn stets stützen und ihm in dieser heiklen Zeit Kraft geben. Möge Maria, die Hilfe der Christen, an seiner Seite sein, um ihm Mut zu schenken“. 

Kardinal Fernando Filoni, Großmeister des Ritterordens vom Heiligen Grab und emeritierter Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, unterstützte Kardinal Joseph Zen in einem langen offenen Brief, der am 23. September in der Zeitung L'Avvenire veröffentlicht wurde: „Kardinal Zen darf nicht verurteilt werden. Hongkong, China und die Kirche haben in ihm einen hingebungsvollen Sohn, für den man sich nicht schämen muss. Er ist ein Zeugnis für die Wahrheit.“  Er zitiert seine „moralische und ideelle Integrität“, die Johannes Paul II. dazu veranlasste, ihn zum Bischof und Benedikt XVI. zum Kardinal zu ernennen. „Manche halten ihn für einen etwas nervösen Charakter“, bemerkt er, „aber wer wäre das nicht angesichts von Ungerechtigkeit und der Forderung nach Freiheit, die jedes echte politische und zivile System verteidigen sollte?“ Und der italienische Prälat fügte hinzu: „Ich muss noch zwei Dinge bezeugen, Kardinal Zen ist ein ‚Mann Gottes‘, manchmal unmäßig, aber der Liebe Christi unterworfen, der wollte, dass er sein Priester ist, und wie Don Bosco zutiefst die Jugend liebend.“