Tournai: Vor 850 Jahren wurde die Kathedrale - im Stil der Scheldegotik - geweiht 

21. Mai 2022
Quelle: fsspx.news

Eigentlich kommt die Feier ein Jahr zu spät. Wegen der Corona-Krise wurden die Feierlichkeiten zum 850. Jubiläum der Weihe eines der schönsten gotischen Gotteshäuser Europas verschoben. Am Sonntag, den 22. Mai 2022, wird im belgischen Tournai an die 1171 erfolgte Konsekration der Kathedrale Notre Dame erinnert werden. Die Baugeschichte begann 1110 und endete erst 1325.

Papst Franziskus hat den Erzbischof von Brüssel, S. Em. Josez Kardinal Kesel eigens zum Päpstlichen Legaten ernannt. Die mehr als 2000 Jahre alte Bischofs- und Bürgerstadt Tournai, gelegen an der Schelde, 85 Kilometer südwestlich von Brüssel, ist Belgiens älteste Stadt.  

Die Kathedrale des wallonischen Bistums gilt als Beispiel der sog. „Scheldegotik“ (französisch: „gothique tournaisien“), obwohl in Tournai romanischer und gotischer Stil eher nebeneinander stehen. Das mächtige – eben noch – romanische Kirchenschiff wird von einem hochgotischen Chor abgeschlossen. Der Vierungsturm wird von vier flankierenden Glockentürmen umgeben. Das Mittelschiff weist vier Stockwerke auf, die einem antiken Aquädukt gleichen. Die Westfassade hat ein riesiges Rosenfenster (7 Meter Durchmesser) und eine gotische Vorhalle. Der verwendete Stein ist ein blaugrauer Granit aus der Gegend. Die Kirche hat eine Gesamtlänge von 134 Meter und der Vierungsturm eine Höhe von 83 Metern.  

Die  Scheldegotik  ist ein regionaler frühgotischer Übergangsstil in Nordfrankreich und der Wallonie. Kennzeichen sind strenge Formen und eine mäßige Verwendung von Verzierungen. Weitere Beispiele wären die Kathedralen von Brügge und Ypern, aber auch die Nikolauskirche von Gent oder die Marienkirchen von Damme, Lissewege, Deinze oder Oudenaarde. 

Im Querschiff sind die ältesten romanischen Wandmalereien Belgiens erhalten. Der Renaissance-Lettner des flämischen Bildhauers Cornelis Floris de Vriendt (1514–1575) oder die Gemälde der Barockmaler Peter Paul Rubens und Jacob Jordaens ziehen jedes Jahr viele Besucher an. 

Der in der Kathedrale gezeigte „Marienschrein“ stammt aus der Werkstatt von Nikolaus von Verdun (1140 – 1205), der übrigens auch wesentliche Teile des Dreikönigsschreins im Kölner Dom und des sog. „Verduner Altars“ in Klosterneuburg gefertigt hat. Der Marienschrein enthält Reliquien der in Tournai verehrten heiligen Piatus und Nicasius. 

Jedes Jahr wird der Schrein in einer großen Prozession durch die Stadt getragen. Auch der kostbare Schrein des ersten Bischofs der Stadt, des hl. Eleutherius, aus dem 13. Jahrhundert ist das Ziel von Betern. 

Der Dom von Tournai gehört seit dem Jahr 2000 offiziell zum UNESCO-Weltkulturerbe. 

Die Kathedrale hat drei große Beschädigungen erlebt, 1566 durch protestantische Bilderstürmer, in der französischen Revolution und im II. Weltkrieg. Die Stadt wurde im Mai 1940 von der deutschen Luftwaffe bombardiert. 

1999 wurde die Kathedrale durch einen Wirbelsturm stark beschädigt und danach sorgfältig restauriert. Leider hat die Liturgiereform ihre architektoralen Spuren in der Kathedrale hinterlassen. 

Bei einem bewaffneten Überfall wurden am 19. Februar 2008 13 mittelalterliche Sakral- und Kunstgegenstände gestohlen, darunter ein Reliquiar mit einem Partikel vom wahren Kreuz.