Weil wir nicht mit Schwerkranken mitleiden wollen, sollen sie 'aus Mitleid' sterben

08. Dezember 2020
Quelle: fsspx.news

Parallel mit der Häufigkeit der Anwendung der aktiven Sterbehilfe steigt zusehends die Akzeptanz der Bevölkerung, das Leben anderer Menschen vorzeitig zu beenden.  Dieses Phänomen war auch nach der Freigabe der Abtreibung zu beobachten. Wie wird es weitergehen, welche „Indikationen“ für die Euthanasie werden noch dazu kommen?

Töten aus Mitleid?

Kein Mensch hat das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen! Kein Mensch hat das Recht zwischen lebenswertem und –unwertem Leben zu unterschieden! Sollen Ärzte zu Mördern werden? Lassen wir uns nicht einreden, dass wir der Würde eines Menschen Achtung zollen, wenn wir ihm eine todbringende Infusion verabreichen! Lassen wir uns nicht einreden, dass die Probleme, die mit der älter werdenden Bevölkerung entstehen, unlösbar wären! Lassen wir uns nicht einreden, dass wir humanitär handeln, wenn wir einen Schwerkranken ermorden – ja, ermorden! Unsere Zeit neigt dazu, schlechte Dinge in schöne Worte zu kleiden, die Bedeutung von Begriffen umzupolen, neu zu definieren und aus Bösem etwas Gutes zu machen. Weil wir nicht mehr mit Schwerkranken mitleiden wollen, sollen sie nun „aus Mitleid“ getötet werden? Wie weit darf die furchtbare Verwirrung unserer Gesellschaft noch gehen?

Sterben als Pflicht?

Als Arzt erlebt man täglich, wie schwach und verletzlich ein Mensch in seiner Krankheit, als Behinderter oder im Alter ist und wie wenig selbstbestimmt.  Soll er sich dann rechtfertigen müssen, dass er noch weiterleben möchte, obwohl ihm sein Umfeld suggeriert, dass er nur mehr eine Belastung für diese Gesellschaft ist?  Wie lange wird er dem Druck standhalten können? Könnte es nicht sein, dass irgendwann das Sterben zur Pflicht und die vielzitierte Freiheit zur Nötigung wird? Wollen wir das wirklich? Sollte es in Österreich zu einer Gesetzesänderung mit Freigabe der Sterbehilfe kommen, dann werden alle diese Szenarien über kurz oder lang Realität in unserer Gesellschaft werden.

Sinnloses Leid?

Seit dem Sündenfall ist das Leid der ständige Begleiter des Menschen und es hat unendlich viele Gesichter und vielfältige Formen, nicht erst am Lebensende. Kann es denn einen Menschen geben, der im Laufe seines Lebens nicht leidet? Menschen erleben Leid durch Hunger- und Naturkatastrophen, durch Kriege, durch Misshandlungen, auf der Flucht, durch Unfälle, gescheiterte Ehen, bei Niederlagen, Demütigungen und Spott – und eben auch in der Krankheit.

Unsere hedonistische Gesellschaft hat uns erfolgreich eingeredet, dass das Leben ein einziger Spaß sein muss und dieser Spaß soll noch dazu endlos sein. Und wenn das Leben aufhört, Spaß zu machen, dann wird gefordert, dass dieses Leben beendet werden soll. Aber hier geschieht ein verheerender Betrug an uns Menschen des 21. Jahrhunderts und ich würde mir von der katholischen Kirche, der ich aus tiefster Überzeugung angehöre, wünschen, dass sie diesen Betrug schonungslos und mit aller Deutlichkeit aufdeckt, denn ich weiß nicht, wer es sonst tun könnte. Sie allein hütet die Schatztruhe mit den Wahrheiten des Glaubens, das berechtigte sie zu der Rolle als Korrektiv der Gesellschaft.

Heutzutage kann man sich jedoch zunehmend des Eindruckes nicht verwehren, dass sie den Schlüssel zu diesem Schatz verloren hat. Wir können das Leid nicht begreifen, weil uns seit mehr als fünfzig Jahren niemand mehr sagt, dass sich der Mensch selbst letzten Endes nur auf Gott hin geordnet begreifen kann – wie es uns der große Kirchenlehrer Augustinus sagt. Wenn wir Gott aus unserem Leben ausklammern, dann stoßen wir sehr bald an unsere Grenzen, nicht erst beim vermeintlich sinnlosen Leiden am Ende des Lebens. Dazu der hl. Augustinus: „Kein Leid ist sinnlos. Immer gründet es in der Weisheit Gottes.“