Wertvolle Handschriften vor IS-Barbarei im Irak gerettet

10. Juni 2022
Quelle: fsspx.news
Msgr Michael Najeeb

Das Digital Centre for Oriental Manuscripts (DMOC) in Erbil, Irakisch-Kurdistan, beherbergt Tausende von digitalisierten Dokumenten und Büchern von unschätzbarem Wert, die vor der Zerstörung oder Plünderung durch Dschihadisten gerettet wurden.

Die im Centre Numérique des Manuscrits Orientaux (CNMO) in Ankawa, einem christlichen Vorort von Erbil, aufbewahrten kulturellen und historischen Schätze entstammen verschiedenen christlichen, aber auch muslimischen und yezidischen Traditionen. Einzigartige Stücke werden auf das 12. und 15. Jahrhundert datiert, darunter das liturgische Gebetbuch „Sidra“ in aramäischer Sprache, das um das 14. und 15. Jahrhundert herum verfasst wurde. Auch ein karolingisches Pergament aus dem 10. Jahrhundert ist im Katalog aufgeführt.  

Die Dokumente wurden ursprünglich in Qaraqosh aufbewahrt, einem christlichen Dorf etwa 40 Autominuten östlich von Mosul, in das das Orientalische Handschriftenzentrum 2007 angesichts der zunehmenden Feindseligkeit gegenüber den Christen zum ersten Male umzog. Doch wenige Stunden, bevor der IS den Ort in der Nacht vom 6. auf den 7. August 2014 einnahm, konnte Pater Michael Najeeb OP mit den letzten Manuskripten in seinem Fahrzeug nach Ankawa fliehen. Hierbei schien die Vorsehung am Werk gewesen zu sein. Die Dominikaner hatten nämlich drei Monate zuvor das Gebäude gekauft, in dem die Manuskripte schließlich Zuflucht fanden. Die Bevölkerung, die vor den Dschihadisten floh, wurde ebenfalls für die Rettung der Kulturgüter herangezogen. So konnte alles Mitgenommene unversehrt gerettet werden. Diese Episode und der Kampf von Bischof Najeeb wurden übrigens in dem Buch „Sauver les livres et les hommes“ (Rettet die Bücher und die Menschen) geschildert.  

Außerdem wurde eine Restaurierungswerkstatt eingerichtet. Ein Team von Spezialisten wurde von den Ordensleuten des hl. Dominikus hauptsächlich unter den christlichen Flüchtlingen rekrutiert, die 2014 in Erbil angekommen waren. Bei diesen Personen handelt es sich um Fachkräfte, die nach dem Exodus ihre Arbeit verloren haben.

Jedenfalls wurden auf diese Weise 850 alte Manuskripte, Archive, Korrespondenzen aus mehreren Jahrhunderten, Fotografien und mehr als 50.000 Bücher gerettet. Doch die Manuskripte von Ankawa sind möglicherweise noch nicht endgültig in Sicherheit. Das trockene Klima des Irak schützt sie zwar vor Feuchtigkeit, doch die politisch religiöse Situation ist noch keinesfalls stabil. Daher hat das NMOK einen Digitalisierungsprozess seiner Sammlung eingeleitet: Mehr als 8.000 Manuskripte aus 112 verschiedenen Sammlungen wurden bereits digitalisiert. Vor allem dank einer seit 2009 bestehenden Partnerschaft mit der Hill Monastic Manuscript Library (HMML) von Benediktinern im US-Bundesstaat Minnesota, die kolossale Arbeit zur Erhaltung von Archiven auf der ganzen Welt leisten. Darüber hinaus konnte das CNMO dank der Unterstützung internationaler Organisationen wie der UNESCO und USAID vor kurzem eine fortschrittlichere Digitalisierungsausrüstung anschaffen, die den Prozess beschleunigt und vereinfacht. Außerdem wurde eine Restaurierungswerkstatt eingerichtet. Ein Team von Spezialisten wurde von den Dominikanern hauptsächlich unter den christlichen Flüchtlingen rekrutiert, die 2014 in Erbil angekommen waren. Bei diesen Personen handelt es sich um Fachkräfte, die nach dem Exodus ihre Arbeit verloren haben.

Die Rettungsaktion ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass die Dschihadisten während ihrer Besetzung der Region von 2014 bis 2017 Tausende von kulturellen oder historischen Werken zerstörten oder verkauften. Doch bereits 1990 hatte Pater Michael Najeeb als Archivar des Dominikanerklosters in Mosul das Digital Centre for Oriental Manuscripts gegründet und den Nordirak und die Nachbarländer auf der Suche nach Dokumenten bereist. Es gelang ihm, unschätzbare Stücke vor der Zerstörung durch Besitzer zu retten, die sich ihres Wertes oft nicht bewusst waren. „Dies sind die wunderbaren Stücke, die das große Mosaik des Irak bilden“, sagt Pater Michael Najeeb, während er die Illuminationen [Ausmalungen] eines syrischen Manuskripts aus dem Mittelalter präsentiert. Diese Manuskripte zeichnen die gesamte Geschichte der Christen in der antiken Wiege des Christentums in Mesopotamien nach.

Nach 2017 kaufte Najeeb Hunderte von Büchern zurück, die die IS-Kämpfer aus Kirchen geplündert und manchmal auf der Straße verkauft hatte. Die Dokumente wurden nach der Digitalisierung an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben.  

Pater Michaeel Najeeb ist von der Überzeugung getrieben: „Mit diesen Projekten geht es darum, künftigen Generationen die Schönheit der Vielfalt des Irak zu verdeutlichen. Dieses Licht, das durch die Erinnerung und das Wissen um unsere Wurzeln gebracht wird, ist notwendig, um gegen die Finsternis des IS zu kämpfen.“