Bisherige Geschichte des Augustus als Fälschung enttarnt

Quelle: FSSPX Aktuell

Mit der Herausgabe einer Anthologie von Texten heidnischer Historiker des späten Kaiserreichs ermöglicht es die Bibliothèque de La Pléiade, eine Buchreihe, die der französische Verlag Gallimard seit 1931 veröffentlicht, die Gründe für den endgültigen Sieg des Christentums über das Heidentum von Konstantin I. bis Theodosius dem Großen zu verstehen.

Stéphane Ratti, emeritierter Professor für spätantike Geschichte an der Université de Bourgogne Franche-Comté, hat eine Geschichtsfälschung enttarnt, als er beschloss, die Historia Augusta, ein Werk, das die Lebensbeschreibungen von etwa dreißig römischen Kaisern enthält, neu zu übersetzen und zu kommentieren.

Es lag tatsächlich eine Fälschung vor, denn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ging man davon aus, dass die Geschichte des Augustus von sechs verschiedenen Historikern verfasst worden war. Mittlerweile steht jedoch fest, dass das Werk „von einer einzigen Hand verfasst wurde, und zwar nicht zu Beginn des vierten Jahrhunderts, wie es die Widmungen an Diokletian und Konstantin fiktiv verkünden, sondern im äußersten Ende des vierten Jahrhunderts“, erklärt Stéphane Ratti.

Seiner Meinung nach könnte der anonyme Autor einer der heidnischen Aristokraten gewesen sein, die gegen Kaiser Theodosius opponierten. Ein Heide, der sich bewusst war, dass er das Spiel gegen die nunmehr dominierende christliche Macht fast verloren hatte, da die Welt nunmehr auf den Kopf gestellt war.

In diesem Zusammenhang wird im „Leben des Alexander Severus“ eine malerische Anekdote erzählt: Dieser Kaiser, den unser Anonymus zu den besten Staatsoberhäuptern des Reiches zählt, wollte angeblich im dritten Jahrhundert „Christus einen Tempel errichten und ihn zu den Göttern zählen“. Die Verwandten des Kaisers rieten ihm von diesem Vorhaben ab, weil „alle Menschen Christen werden und alle anderen Tempel aufgegeben werden“ würden. Stéphane Ratti analysiert: „Diese Episode ist zwar nur halb authentisch, da es Tiberius war, der wirklich die Idee hatte, aber sie beweist, dass das Christentum in den Augen des Autors der Historia Augusta eine echte Bedrohung für das alte Heidentum darstellte."

Auch die alten Heiden sahen im Christentum eine Bedrohung für ihr Vermögen und ihre Lebensweise, denn unter Theodosius entwickelte sich die Praxis, einen Teil seines Besitzes dem Staat oder der Kirche zu vermachen; Augustinus ermahnte seine Zuhörer in einer seiner Predigten mit den Worten: „Mach Platz für Christus unter deinen Kindern!“ Eine Botschaft, die klarer nicht sein konnte.

Der Übersetzer der Historia Augusta sieht den Grund für den Niedergang des Heidentums in den Kaisern selbst: „Konstantin und Theodosius beschlossen mit Gesetzeskraft, dass das Christentum siegen würde. Und so geschah es auch. Die kaiserliche Autorität hat das religiöse Schicksal der Spätantike geprägt“, argumentiert Stéphane Ratti.

Man könnte meinen, auch wenn diese Meinung vom Übersetzer nicht geteilt wird, dass diese beiden Kaiser begriffen hatten, wie sehr der Synkretismus des Heidentums seine Achillesferse war: zu viele Kulte, zu viele Lebensphilosophien. Im Gegensatz dazu wurde mit dem Christentum ein einziger Weg zur Erlösung durch Christus eröffnet. Darin lag die Fähigkeit, die bunt zusammengewürfelte Bevölkerung des Reiches gegen die Gefahr der Barbaren zu vereinen und zu galvanisieren. Würde der anonyme Geschichtsschreiber Augustus fünfzehn Jahrhunderte später, zu einer Zeit, in der das Christentum in einem säkularisierten Westen zu verblassen und sich zu verwässern droht, das 21. Jahrhundert als Gelegenheit für einen posthumen Sieg ansehen? Wahrscheinlich nicht, denn der Autor, der angesichts des Sieges der Christen am Ende des 4. Jahrhunderts resigniert hatte, wollte – und das wird in dem Buch deutlich - im antiken Heidentum vor allem eine Form des Respekts vor den Sitten der Antike sehen, eine Kultur, die den Menschen über die Wildheit der Barbaren stellt.