Das Ende einer Ära: Die schweizer Zeitschrift „Choisir“ wird eingestellt
In einer Zeit der allgemeinen Säkularisierung werden nicht nur Seminare und Klöster geschlossen. , Auch das Schicksal der von „Choisir“, der Kulturzeitschrift der Jesuiten in der Westschweiz, ist dafür beispielhaft.
Wie bereits im März angekündigt, stellten die Verantwortlichen von Choisir am 31. Dezember das Erscheinen der Zeitschrift ein. Das Ende nach 63 Jahren ist ein Zeichen dafür, dass der eigenartige “Konzilskatholizismus” in den helvetischen Kantonen an Bedeutung verliert. Lucienne Bittar, die seit 2007 Chefredakteurin war, räumt ein, dass dies „ein schwerer Schlag“ sei und stellt fest, dass „der Schwung an Kreativität und Dynamik, der auf das Zweite Vatikanische Konzil folgte, ins Stocken gerät.“
Choisir wurde im November 1959, drei Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gegründet und gehörte zur Bewegung der “Neuen Theologie”. So konnte man die Unterschriften von Yves Congar, Gabriel Marcel, Karl Rahner, Henri de Lubac, Jean Daniélou, Hans Urs von Balthasar, Michel de Certeau... finden, wichtige Akteure der konziliaren und postkonziliaren Periode.
Der Herausgeber Pater Pierre Emonet S.J. räumt auf der Internatplattform cath.ch vom 4. November 2022 Zusammenstöße mit den kirchlichen Behörden ein. Gemeint sind die kirchlichen Behörden in Freiburg. „Während sie von Choisir eine Lehre erwarteten, die gut eingebettet war in die philosophisch-theologische Tradition, wie sie in Freiburg zu Ehren kam, boten die Jesuiten, die einer sich verändernden Welt zuhörten, ein Kaleidoskop von Meinungen und Bewegungen an, das durch seine Neuheit verblüffte.“ Weiters gibt er zu: „Religionsfreiheit, die Rolle des Priestertums, Ökumene, Mischehen, interreligiöser Dialog, Sexualmoral, Abtreibung, Homosexualität, Frauenförderung, soziale Ungerechtigkeit, marxistische Analyse, Kapitalismus haben leidenschaftliche Debatten ausgelöst und provokative Seiten genährt...“.
Der Jesuit stellt eine Entwicklung der Themen fest, über die nachgedacht wird: „Im Laufe der Zeit haben sich die Schwerpunkte verschoben. Ökologie, Bioethik, soziale Gerechtigkeit, Nord-Süd-Entwicklung, Suizidbeihilfe, Hungersnot in der Welt, Migrationsbewegungen, Asyl, die ungerechte Verteilung des Reichtums oder die Herausforderungen der wissenschaftlichen Forschung haben die Leser dazu aufgefordert, weiter über die institutionellen Grenzen hinauszuschauen.“ Er meint: „Die Ökumene ist ein Teil der DNA von Choisir. Die Zusammenarbeit mit protestantischen Theologen und Pastoren ist eines der Hauptanliegen der Zeitschrift. Sowohl auf der katholischen als auch auf der reformierten Seite gibt es hervorragende Kooperationen. Die theologische Ökumene wird mit der Gründung der AOT (Atelier œcuménique de théologie) im Jahr 1973 auch in die Praxis umgesetzt.“
Über diese stark von der postkonziliaren Strömung geprägten Ideen fällt heute der Vorhang. Choisir hatte keine Wahl mehr, die Mitteilung vom März 2022 - in Form einer Todesanzeige - kündigte es klar an: „Die kontinuierliche Erosion der Zahl ihrer Abonnenten und die der in den Westschweizer Kantonen ansässigen Jesuiten zwingen die Instanzen der Gesellschaft Jesu, ihre Veröffentlichung einzustellen.“
Ein ideologischer Kampf, der wegen eines Mangels an Kämpfern eingestellt wird.
(Quellen: cath.ch/DICI n°429 – FSSPX.Actualités)
Illustration: choisir.ch