Das neue Apostolische Schreiben von Papst Franziskus Desiderio desideravi

Der Papst will eine Wiederbelebung der Kirche, indem er ihr den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils einhaucht. Viele andere sagen dagegen, aus dem Geist des Konzils sei längst die Luft raus.

Am 29. Juni 2022 veröffentlichte Papst Franziskus als neues Apostolisches Schreiben das Dokument Desiderio desideravi [„Ich habe mich mit großem Verlangen gesehnt“, Lk 22,15]. In dem siebzehnseitigen Dokument erklärt er, dass er das Bedürfnis verspürte, sich an alle Bischöfe, Priester, Diakone, Geweihte und Laien zu wenden, nachdem er sich im Juli 2021 mit dem Motu proprio Traditionis custodes nur an die Bischöfe gewandt hatte. Franziskus bekräftigte seine Maßnahmen, die die Feier der tridentinischen Messe einschränken, um aus seiner Sicht „ein einziges Gebet“ zu fördern, das die Einheit der Kirche zum Ausdruck bringt, wie es das Zweite Vatikanische Konzil gewünscht hat. 

Eigentlich ist dies also ein Lob der Liturgie des Konzils und sogar eine Wiederentdeckung ihrer "Schönheit", die Franziskus als Antwort auf die Kritik vorschlägt, die ihr üblicherweise mit den Vorwürfen „Verlust des Sinns für das Mysterium“, „Abwesenheit des Heiligen“ entgegengebracht wird. In dem Schreiben heißt es: „Ich möchte, dass die Schönheit der christlichen Feier und ihre notwendigen Konsequenzen im Leben der Kirche nicht durch ein oberflächliches und reduziertes Verständnis ihres Wertes oder, schlimmer noch, durch ihre Instrumentalisierung im Dienste einer wie auch immer gearteten ideologischen Vision entstellt werden. Das priesterliche Gebet Jesu beim letzten Abendmahl, dass alle eins seien (Joh 17,21), beurteilt alle unsere Spaltungen um das gebrochene Brot, das Sakrament der Frömmigkeit, Zeichen der Einheit und Band der Liebe ist.“ Und: „Lasst uns klar sein: Alle Aspekte der Feier müssen gepflegt werden (Raum, Zeit, Gesten, Worte, Gegenstände, Kleidung, Gesang, Musik, ...), und alle Rubriken müssen eingehalten werden.“ 

Offenbar scheint Franziskus auch die Jesuiten bekehren zu wollen, über die ja gesagt wird: „Nec rubricat, nec cantat“ [„Sie befolgen weder die Rubriken noch singen sie.“]. Hier ist abzuwarten, ob es sich bei dem päpstlichen Vorhaben nicht eher um einen frommen Wunsch handelt, denn um eine zielgerichtete Aktion. 

In Bezug auf den Verlust des Heiligen in der reformierten Liturgie lehnt der Papst einen Sinn für das Geheimnis ab, der in seinen Augen nur „eine Art Verwirrung“ ist. Er bezeichnet diesen Sinn als „vagen Sinn für das Geheimnis“, zugunsten von „einem Staunen“. Er zeigt sich ganz offen, wenn er schreibt: „Dies ist manchmal eine der Hauptbeschuldigungen, die gegen die Liturgiereform erhoben werden. Man sagt, dass der Sinn für das Geheimnis aus der Feier entfernt wurde. Das Staunen, von dem ich spreche, ist nicht eine Art Verwirrung angesichts einer dunklen Realität oder eines rätselhaften Ritus, sondern es ist im Gegenteil das Staunen über die Tatsache, dass uns der Heilsplan Gottes offenbart wurde. (...) Wenn das Staunen wahr ist, besteht keine Gefahr, dass wir selbst in der von der Inkarnation gewollten Nähe die Andersartigkeit der Gegenwart Gottes nicht wahrnehmen. Wenn die Reform diesen vagen „Sinn für das Geheimnis“ beseitigt hätte, wäre das eher ein Verdienst als eine begründete Anklage.“ 

Der Papst kommt auf das zurück, was er in Traditionis custodes behauptet hat, nämlich die ekklesiologische Frage, die im Mittelpunkt des Gegensatzes zwischen der traditionellen und der konziliaren Messe steht. Und er weist - zu Recht - die Position der Ex-Ecclesia Dei-Gruppen zurück, die darin lediglich eine Frage der liturgischen Sensibilität sehen: „Es wäre banal, die Spannungen, die es leider rund um die Zelebration gibt, als bloße Divergenz zwischen verschiedenen Sensibilitäten gegenüber einer rituellen Form zu lesen. Die Problematik ist in erster Linie ekklesiologisch. Ich sehe nicht ein, wie man sagen kann, dass man die Gültigkeit des Konzils anerkennt - obwohl es mich wundert, dass ein Katholik behaupten kann, dies nicht zu tun -, und gleichzeitig die aus Sacrosanctum Concilium hervorgegangene Liturgiereform nicht akzeptiert, ein Dokument, das die Realität der Liturgie in enger Verbindung mit der Vision der Kirche ausdrückt, die in Lumen Gentium wunderbar beschrieben wurde.“ 

Während der Papst eine würdige Feier der Konzilsliturgie wünscht, warnt er sowohl vor einem gewissen Rubrizismus als auch vor einer „wilden“ Kreativität: „Die ars celebrandi kann nicht auf die bloße Einhaltung eines Systems von Rubriken reduziert werden, und noch weniger darf man sie als eine phantasievolle - manchmal wilde - Kreativität ohne Regeln betrachten. Der Ritus ist an sich eine Norm, und die Norm ist nie Selbstzweck, sondern steht immer im Dienst einer höheren Wirklichkeit, die sie schützen will.“ Gleichzeitig schlägt er eine reformierte Liturgie vor, die weniger disparat und mehr einheitlich ist: „Es geht um eine Einheitlichkeit, die nicht nur nicht abtötet, sondern im Gegenteil den einzelnen Gläubigen dazu erzieht, die authentische Einzigartigkeit seiner Persönlichkeit nicht in individualistischen Haltungen zu entdecken, sondern im Bewusstsein, ein einziger Leib zu sein.“ 

Franziskus zeigt, welches liturgische Maß er fördern möchte, zwischen „starrer Strenge oder aufbrausender Kreativität, spiritualisierendem Mystizismus oder praktischem Funktionalismus, übereilter Lebendigkeit oder übertriebener Langsamkeit, nachlässiger Sorglosigkeit oder übertriebener Gründlichkeit, überschwänglicher Freundlichkeit oder priesterlicher Teilnahmslosigkeit.“ Weiter ist zu lesen: „Trotz der großen Vielfalt dieser Beispiele glaube ich, dass die Unangemessenheit dieser Vorsitzmodelle eine gemeinsame Wurzel hat: eine übertriebene Personalisierung des Zelebrationsstils, die manchmal Ausdruck einer schlecht verborgenen Manie ist, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.“ Diese „übertriebene Personalisierung“ wird sicherlich durch die reformierte Liturgie begünstigt, die in der Volkssprache und vor dem Volk stattfindet, wo die Blicke auf den Vorsitzenden auf der anderen Seite des Tisches gerichtet sind. 

Die wenig kohärente Absicht von Desiderio desideravi besteht darin, eine würdige und einheitliche Feier mit dieser Konzilsliturgie rehabilitieren zu wollen, die als modulierbar und anpassungsfähig an die Erfordernisse der Inkulturation konzipiert wurde, wie der Ritus von Zaire, der an diesem 3. Juli in St. Peter in Rom gefeiert wurde, und der Amazonas-Ritus, der derzeit ausgearbeitet wird, beweisen; ganz zu schweigen von den Riten mit variabler Geometrie, die bei apostolischen Reisen und Weltjugendtagen praktiziert werden. 

Am selben Tag, an dem Desiderio desideravi veröffentlicht wurde, empfing Papst Franziskus die 44 Metropolitan-Erzbischöfe, denen er das Pallium überreichen sollte. In seiner Predigt, die er aufgrund seines kranken Knies im Sitzen hielt, fand er folgende Worte, die den Geist seines apostolischen Schreibens auf einzigartige Weise erhellen. So beklagte er „die vielen inneren Widerstände, die uns daran hindern, uns in Bewegung zu setzen“, und beschrieb eine Kirche, die manchmal „von Trägheit“ überschwemmt wird, wo einige es vorziehen, „sitzen zu bleiben und die wenigen sicheren Dinge zu betrachten, die wir besitzen“. Vom Blatt ablesend rief er: „Lasst uns nicht in Rückständigkeit verfallen, diese Rückständigkeit der Kirche, die heute in Mode ist.“ Zusätzlich geißelte er die Präsenz eines Klerikalismus, dessen schlimmste Ausprägungen seiner Meinung nach heute bei „klerikalen Laien“ zu finden seien. Er forderte eine Kirche „ohne Ketten und Mauern“, die in der Lage ist, „ihre Gefängnisse zu verlassen und auf die Welt zuzugehen“. Er rief dazu auf, die Türen der Kirche weit zu öffnen, und wiederholte fast ein Dutzend Mal, dass „jeder“ einen Platz in der Kirche habe, angefangen bei den Sündern. 

In seinen Augen ist diese Kirche, die „nicht trödelt“ und „bei den aktuellen Herausforderungen nicht zurückbleibt“, die synodale Kirche. Denn sie lässt sich „von der Leidenschaft für die Verkündigung des Evangeliums und von dem Wunsch, alle zu erreichen und jeden willkommen zu heißen, beseelen“. 

Diese Erklärung an die Metropolitan-Erzbischöfe ergänzt das Apostolische Schreiben Desiderio desideravi im Hinblick auf die bevorstehenden Synode über die Synodalität, die zum Hauptanliegen am Ende des Pontifikats geworden ist. Im Klartext heißt das, dass die „träge“ und „rückständige“ Kirche durch den Atem des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederbelebt werden soll. Immer mehr Menschen sind allerdings der Meinung, dass dem vor sechzig Jahren abgehaltenen Konzil die Luft ausgegangen ist ...