Mitbrüder im Bischofsamt hinterfragen Kardinal Marx

Kardinal Reinhard Marx.

Nach zweideutigen Äußerungen über die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren und einem Brief, in dem er die Arbeit einer deutschen Organisation lobte, welche Frauen die Abtreibung ermöglicht, musste Kardinal Marx die Missbilligung mehrerer Kardinäle und Bischöfe über sich ergehen lassen.

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hat seit 2014 Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz inne. Aus Anlass seiner zehnjährigen Amtszeit als Erzbischof gab der Prälat am 03. Februar 2018 dem Bayrischen Rundfunk ein Interview. Der Artikel erschien unter dem reißerischen Titel: „Segnung homosexueller Paare ist möglich“.

Auf die Frage der Journalistin Karin Wendlinger, ob es vorstellbar sei, solche „Paare“ zu segnen, antwortete der Kardinal: „Es gibt keine generellen Lösungen. Man darf nicht glauben, dass eine allgemeine Lösung richtig ist, denn im pastoralen Bereich geht es um Einzelfälle: Es gibt Situationen, für die wir keine Regelung haben, aber das heißt nicht, dass dort nichts geschieht (…). Das muss man dem Seelsorger vor Ort überlassen, der diese Personen begleitet.“ Diese verworrenen Ausführungen, die der Ausdruckweise eines Konzilstextes vergleichbar sind, vermeiden es bewusst, an die katholische Morallehre und die strenge kirchliche Verurteilung dieser widernatürlichen Verbindungen zu erinnern. Sie knüpfen an die Ausführungen von Bischof Franz-Josef Bode an, der Nummer zwei im deutschen Episkopat. Dieser befürwortet ebenfalls die Erarbeitung spezieller Riten oder „Einzelfall-Lösungen“, um Verbindungen dieser Art segnen zu können.

Da eine entschiedene Reaktion der deutschen Bischofskonferenz ausblieb, ließ sich eine Stimme aus den USA hören. Der Erzbischof von Philadelphia, Mgr. Charles Chaput, mahnt in seinem Diözesanbericht daran, „dass keine Wahrheit, keine wirkliche Barmherzigkeit, und kein echtes Mitleid darin liegt, eine Tat zu segnen, die die Menschen von Gott entfernt“. Er fügt hinzu, dass es unmöglich ist, „formell an einer moralisch verbotenen Tat mitzuwirken.“

Kardinal Paul Josef Cordes, 83-jähriger emeritierter Vorsitzender des päpstlichen Rates Cor Unum, hat seinerseits erklärt, dass die Äußerungen des deutschen Kardinals „von einer erschreckenden Naivität“ zeugen, „welche die klare Offenbarung Gottes außer Acht lässt.“ Er prangert diese Idee als „sakrilegisch“ an!

Die Vereinigung Donum Vitae und die Verweigerung des Lebens

Darüber hinaus hat Kardinal Marx sich auch in einem anderen Bereich zu Wort gemeldet, indem er am 23. Januar 2018 einen ermutigenden Brief an das ZdK (Zentralkomitee der deutschen Katholiken) schrieb. Darin lobte er die Arbeit der Donum Vitae – Zentren.

Die Vereinigung Donum Vitae betreibt in Deutschland 116 Beratungsstellen, welche jährlich von ca. 36.000 Frauen besucht werden. Neben ihrer Beratungsfunktion für schwangere Frauen stellt sie außerdem an jene, die ihr Kind töten möchten, den umstrittenen „Beratungsschein“ aus. Er ist in Deutschland unentbehrlich, um straflosen Zugang zur Abtreibung zu erhalten. Schon Papst Johannes-Paul II. hatte diese Praxis ausdrücklich verurteilt. 2006 hat die Deutsche Bischofskonferenz dem Kirchenpersonal verboten, bei Donum Vitae zu arbeiten.

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki reagierte nun. Er distanzierte sich von seinem Mitbruder in München und rief durch die Presse in Erinnerung, dass Donum Vitae „außerhalb der Kirche“ bleibt und dass es unvereinbar ist, eine Aufgabe in der Diözese zu haben und gleichzeitig mit dieser Vereinigung zusammenzuarbeiten.

Der Vatikanist Marco Tosatti fleht seinerseits mit dem ihm eigenen Eifer den Heiligen Vater an, auf die Aussagen von Kardinal Marx zu reagieren. (Dieser ist übrigens Mitglied im C9, dem Rat, welcher vom Papst beauftragt ist, die römische Kurie zu reformieren.) Er bittet ihn, Klarheit zu schaffen, über Fragen, die das Heil der Seelen gefährden, welches das oberste Gebot in der Kirche bleibt.

„Wie positioniert sich Rom in alledem? Und man sage nicht, dass die Verwirrung nur das Werk der Journalisten sei (…). Die Verwirrung kommt von denen, die auf oberstem Niveau die Aufgabe haben, klare Anweisungen zu geben, die die Pflicht haben zu sprechen, aber sie schweigen…“