Schweizer Historiker übt scharfe Kritik an Missbrauchsbericht

Quelle: FSSPX Aktuell

M. Christoph Mörgeli

Unter dem Titel „Der ‚Kirchenskandal‘ ist ein akademischer Skandal“, der am 27. September 2023 in der Weltwoche veröffentlicht wurde, greift der Historiker Christoph Mörgeli den von der Universität Zürich veröffentlichten Missbrauchsbericht, der speziell die Bischöfe in die Pflicht nimmt, scharf an.

Der Untertitel des Artikels ist deutlich und spricht von „aufgebauschten“ Fällen und einer „abenteuerlichen Pseudo-Studie“. Und angesichts des Medienrummels gegen die katholische Kirche, der Selbstgeißelung der Bischöfe und der unglaublichen Forderungen von Bischof Felix Gmür fragt sich der Autor vor allem, was die Ursache für all diese Aufregung ist. 

Ein Mangel an Beweisen 

Mörgeli, der sich vor allem in der Medizingeschichte einen Namen machte,  merkt an, dass dieser „Pilotbericht“ von den Bischöfen mit 377.000 Schweizer Franken bezahlt wurde –  „bevor sie sich zur Schlachtbank führen ließen.“ Die Autoren wollten so „den Grundstein“ für drei weitere Jahre Forschung legen, was ihnen weitere 1,13 Millionen Franken sichern würde. 

Mörgeli stellt fest, dass der Bericht 1.002 Fälle von sexuellem Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche „‚beweisen‘“ konnte“. Aber „kein einziger Beweis, geschweige denn eine Liste der Fälle, ist in dem Bericht enthalten.“ Darüber hinaus gibt es keine rechtlichen Kriterien, um „Missbrauchsfälle“ zu charakterisieren. Recht und Gesetz spielen in diesem öffentlich inszenierten Moraltribunal keine Rolle. So wird von angeblichen „problematischen Grenzüberschreitungen“ berichtet, die nicht definiert sind und deren Anzahl in der Studie nicht angegeben wird. So ist „die Vermischung von Zahlen und Zeitgeist allgegenwärtig“. 

Zudem gestehen die Autoren des Berichts eine gewisse Inkompetenz ein: „Die katholische Kirche mit ihren Bräuchen, Traditionen und Hierarchien hätte für sie einen „unbekannten Rahmen“ dargestellt.“ Mörgeli bemerkt spitz: „Eine solche naiv erklärte Unwissenheit ähnelt der eines Chirurgen, der vor der Operation verkündet, dass er keine Ahnung von der menschlichen Anatomie hat.“ 

Ein unwissenschaftlicher Ansatz 

Der Historiker räumt ein, „dass sexueller Missbrauch im Sinne des Gesetzes, sowohl innerhalb als auch außerhalb kirchlicher Strukturen, ein schändliches Verbrechen ist – als solches wird es sowohl im weltlichen als auch im kirchlichen Strafrecht behandelt.“ Und daher „kann und muss auch die Tatsache, dass die katholische Kirche Fälle verheimlicht, vertuscht und weitergeleitet hat, Gegenstand der Untersuchung sein.“ Er stellt jedoch fest, dass „die angebliche ‚Menge‘ von 1002 Fällen völlig unterschiedlicher Art wissenschaftlich angegangen und entsprechend differenziert werden sollte.“ So wurde ein „„missbräuchliches verbales Verhalten“, das kaum eine Straftat darstellt, zu den „Fällen von sexuellem Missbrauch““ hinzugezählt. 

Ein Beispiel für Inkohärenz: „Da die Diözese Lugano nicht fand, was sie suchte, unternahm sie im Gegensatz zu allen anderen Diözesen eine Suche in nicht-kirchlichen Archiven. Hierbei handelt es sich eindeutig um eine nicht zu rechtfertigende methodische Inkohärenz. Warum wird das Tessin anders behandelt als die Diözesen der Deutschschweiz und der Romandie?“ Mörgeli fährt fort: „Eine wissenschaftliche Studie muss sich auf Fakten stützen und nicht auf Gerüchte über irgendeine „Dunkelzifferforschung“ (Seite 15 des Berichts).“ Im Durchschnitt ereigneten sich jährlich etwa 15 solcher „Fälle“ im katholischen Milieu in der Schweiz. 

In den letzten siebzig Jahren, auf die sich der Bericht bezieht, waren in der Schweiz „2.150 Diözesanpriester tätig.“ Und im Durchschnitt „1.471 Mitglieder von männlichen Orden und bis heute 2.250 Mitglieder von weiblichen Orden.“ In der Studie wird auch das Führungspersonal kirchlicher Einrichtungen als potenzielle Täter genannt. 

Nun, so stellt der Historiker fest, "haben die Autoren im Rahmen ihrer Arbeit 510 „Angeklagte“ (nicht Schuldige!) unter den derzeit 1.619 katholischen Pfarreien identifiziert – früher waren es deutlich mehr.“ Es stellt sich die Frage, wie kann man angesichts dieser Zahlen von einem „allgegenwärtigen Problem“ sprechen, wie es der Bericht tut? Und er erinnert daran, dass „die Gefahr, die von Vätern und Onkeln ausgeht, deutlich größer ist als die Gefahr, die von Priestern ausgeht.“ Es folgt der Vorwurf: „Tatsache ist, dass die Studie der Universität Zürich völlig autonom entscheidet, was „Fälle von sexuellem Missbrauch“ sind.“ 

Der Grund dafür ist, dass „die Autoren des Berichts sich nicht an das Strafgesetz halten, sondern auch offensichtliche nichtkriminelle Handlungen in ihre Statistiken einbeziehen. Da die Studie diese Nicht-Delikte berücksichtigt, ist die Zahl der Straftaten zwangsläufig niedriger als die 1.002 genannten Fälle.“ 

Die Konsequenz ist offensichtlich: „Die Studie gibt nicht an, in welchem Verhältnis die Straftaten zu den anderen mutmaßlichen „Missbrauchsfällen“ stehen. Warum wird dies nicht getan? Nennt man das nun Wissenschaft? Und ist eine solche Arbeit 377.000 Franken wert?“ 

Der Journalist und Historiker fragt sich: „Wie viele echte Straftaten bleiben also von den 1.002 angekündigten „Missbrauchsfällen“ übrig? Das wissen wir nicht, weil die angeblich wissenschaftliche Studie es geheim hält.“ Er selbst schätzt sie nach den veröffentlichten Zahlen auf „etwas mehr als sieben ‚Fälle‘ pro Jahr.“ Es gäbe also 0,004 potenzielle Straftaten pro katholischer Kirchengemeinde pro Jahr. „Das klingt allerdings weniger sexy als die Schlagzeile „1.002 Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche““, stellt er fest. 

Die Nutznießer sind die Historiker 

Mörgeli setzt den Bericht schließlich in die richtige Perspektive: „Es besteht kein Zweifel daran, dass die Gefahr des sexuellen Missbrauchs durch Familienväter und Onkel wesentlich größer ist als die durch Priester. Auch in Sportvereinen, Jugendgruppen und in der Schule ist Missbrauch viel häufiger anzutreffen.“ Der ehemalige Student und Dozent an der Universität Zürich meint: „Eine Studie über den sexuellen Machtmissbrauch, der in den letzten siebzig Jahren von Dozenten der Universität Zürich gegenüber Studenten und von ihnen abhängigen Mitarbeitern begangen wurde, dürfte ebenfalls erstaunliche Zahlen liefern.“  

Sein Fazit ist vernichtend: „Was der Öffentlichkeit hier geboten wird, ist als seriöse Geschichtswissenschaft getarnte Para-Jurisprudenz, die Rechtsnormen außer Acht lässt und unsere Behörden umgeht. Es gilt die Schuldvermutung, eine Verteidigung ist nicht vorgesehen. 

Die Nutznießer sind die Historiker und ihr Seminar, die atemlosen Journalisten sowie die selig lächelnden Anwälte und PR-Berater. (...) Dass die Universität Zürich ein solches Projekt sponsert, sollte als Missbrauch der Alma Mater betrachtet werden.“