Verankerung in der christlichen Überlieferung

Quelle: FSSPX Aktuell

Der in Lugano lehrende Theologe und Priester Manfred Hauke ist einer der besten Kenner der Fatima-Botschaft in der Reihe der akademischen Gottesgelehrten in Europa. 

Der 1956 geborene Paderborner Diözesangeistliche ist nicht nur Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie und Mitglied der Internationalen Marianischen Päpstliche Akademie, sondern auch (Mit-)Herausgeber mehrerer Zeitschriften, so Forum Katholische Theologie und Theologisches.

In der neuen Ausgabe der in Bonn erscheinenden zweimonatlichen Zeitschrift Theologisches (Chefredakteur Hw. H. Prof. Dr. Johannes Stöhr) veröffentlichte Prof. Manfred Hauke einen mehrseitigen Kommentar zur Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens, die Papst Franziskus am 25. März 2022 vorgenommen hat.

In diesem gelehrten Kommentar geht der Theologe, der durch seine Studien zum Frauenpriestertum und zur Erbsündenlehre der griechischen Väter akademisch reüssierte, auf Ablehnung in Bezug auf das vom Papst gesprochene Weihegebet vom 25. März ein.

Gewisse Kreise hatten nach der Zeremonie Anstoß am Begriff „Erde“ genommen, der im Text vorkommt und ihn in Verbindung mit der Pachamama gebracht, deren Quasi-Verehrung die Amazonas-Synode 2019 überschattete.

Dieses Missverständnis basiert nach Hauke auf einer Unkenntnis der geistlichen Überlieferung, die sich im Weihegebet ausdrückt.  

Genugtuung empfindet Prof. Hauke in dem Artikel in Theologisches, dass die Marienweihe „fast einhellig“ als „Erfüllung der Botschaft von Fatima“ begrüßt wurde. Als Beispiele der Zustimmung nannte er ausdrücklich „die Piusbruderschaft“ und den „italienischen Historiker Roberto de Mattei“. „Selbst das von P. Gruner geründete Fatima Center habe“ – mit Einschränkungen – von einer „historischen Weihe“ gesprochen. 

Prof. Hauke, selbst ein scharfer Kritiker der theologischen Implikationen des Pachamama-Treibens, beschreibt die Kritik am Weihegebet so: 

„Um die Wertschätzung der Erde und den Schutz der Schöpfung vor Ausbeutung zu betonen, meinten einige Kreise aus Lateinamerika, es sei dazu hilfreich, die alte indianische Erdgöttin, die Pachamama, hervorzuheben. Dabei kam es während der Amazonas-Synode zu einer quasi-kultischen Verehrung der Erdmutter, die zumindest in der Nähe dessen führte, was die jüdische und christliche Tradition als Götzendienst bezeichnet. Da Papst Franziskus diesem Treiben nicht öffentlich entgegentrat, wurde nach der Veröffentlichung des Weihegebetes der Verdacht geäußert, der Ausdruck terra del cielo in den litaneiartigen Anrufen, wörtlich Erde des Himmels meine auf verklausulierte Weise die heidnische Erdmutter.“

Hauke widerspricht und führt einen Text des hl. Irenäus (Adversus haereses III,21,10.) an, der dieser Hermeneutik des Verdachts widerspricht.

Erde des Himmels, im offiziellen deutschen Text du Irdische im Himmel, ist in der Tat ein für die gegenwärtige Frömmigkeit ungewohnter Ausdruck. Sie passt freilich nicht zu einer göttlichen Erdmutter, wohl aber zu dem seit dem hl. Irenäus im Altertum üblichen Vergleich der ‚jungfräulichen‘ paradiesischen Erde mit der jungfräulichen Gottesmutter Maria: 

‚Wie jener Adam, das erste Geschöpf, aus der unbebauten und noch jungfräulichen Erde – denn noch hatte Gott nicht regnen lassen und noch hatte kein Mensch die Erde bebaut – seine Wesenheit erhielt und durch die Hand Gottes, d.h. durch das Wort Gottes … gebildet wurde, und wie der Herr Schlamm von der Erde nahm und den Menschen bildete, so nahm das persönliche Wort, in sich den Adam rekapitulierend, geziemender weise aus Maria, die noch Jungfrau war, seinen Ursprung zur Rekapitulierung Adams.‘“

Hauke zitiert den Barocktheologen Ippolito Marracci (1604 – 1675), den „wohl produktivsten Mariologen aller Zeiten“, bei dem man eine lange Reihe von Belegen aus theologischen Werken aller Jahrhunderte finde, die Maria auf mannigfaltige Weise mit der Erde vergleichen. 

Hauke führt als Beispiel den hl. Petrus Damiani (1006 – 1072) an, der betonte, wie Marias leibliche Aufnahme in den Himmel zur Gegenwart der Erde im Himmel gehöre. Der Kirchenlehrer benutze ausdrücklich den lateinischen Ausdruck terra caelestis, himmlische Erde.

Hauke erinnert an die Auslegung des Weihegebetes vom 25. März durch den päpstlichen Pressesprecher Andrea Tornielli, der klarstellte, der Ausdruck „Irdische im Himmel“ stamme aus einer byzantinisch-slawischen Hymne monastischer Tradition und bezeichne auf poetische Weise die Vereinigung von Himmel und Erde durch die Himmelfahrt der Gottesmutter.

„Der Hinweis auf die ‚Erde‘ stammt also aus alter christlicher Überlieferung, ähnlich wie die Anspielung auf ein bekanntes Bild des hl. Irenäus, der davon spricht, dass Maria durch ihren Glauben und ihren Gehorsam den ‚Knoten‘ löst, den Eva durch Unglauben und Ungehorsam hervorgerufen hatte (Aversus haereses, III, 22,4): ‚Du kannst die Verstrickungen unseres Herzens und die Knoten unserer Zeit lösen‘.

Bekanntermaßen schätzt Papst Franziskus sehr das Augsburger Gnadenbild von Maria als Knotenlöserin, von der er eine Kopie für eine Kirche in Buenos Aires anfertigen ließ.“

Das um 1700 entstandene Ölgemälde ist das Werk eines deutschen Malers – Johann Georg Melchior Schmidtner – und befindet sich heute in der Kirche St. Peter am Perlach in Augsburg. Es zeigt die Muttergottes, wie sie die Knoten eines von zwei Engeln gehaltenen weißen Bandes löst. Um sie herum sind biblische Szenen dargestellt, die symbolisch auf die Hoffnung, die Barmherzigkeit und den Sieg über das Böse verweisen. 

Einen besonderen Ausdruck fand die Wertschätzung durch Papst Franziskus, als er jüngst für das Bildnis eine Krone anfertigen ließ, eine Kopie des Originals in Rom damit krönte und das kostbare Stück Bischof Bertram Meier überreichte. Am 25. Mai wurde durch diesen die päpstliche Krone nahe dem Gnadenbild in Augsburg angebracht.

Hauke erinnerte aber noch an weitere Elemente der geistlichen Überlieferung, die man im Weihegebet feststellen könne.

„Von dem syrischen Kirchenvater Ephrem inspiriert ist die Formulierung [im Text vom 25. März] ‚Du hast das Menschsein in Jesus eingewoben …‘

Maria als ‚Weberin‘ findet sich in diesem Sinne auch in der antiken Ikonographie, insbesondere im Mosaik des Triumphbogens von Santa Maria Maggiore in Rom. Aus dem berühmtesten dichterischen Werk Italiens, der Divina Commedia von Dante Alighieri, stammt der Hinweis auf Maria als ‚strömender Quell der Hoffnung‘, der ‚den Durst unserer Herzen‘ stillt. (vgl. Dante, La Divina Commedia XXXIII,12: ‚se' di speranza fontana vivace‘.)“

Hauke zitiert des Weiteren einen Satz des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort (1663 - 1717):

„Durch dein von Herzen kommendes Ja trat der Fürst des Friedens ein in die Geschichte; wir vertrauen darauf, dass der Friede auch jetzt wieder über dein Herz zu uns kommt.“

Prof. Manfred Hauke schließt mit dem Satz:

„Diese Aufzählung ließe sich noch fortsetzen. Sie zeigt jedenfalls die Verankerung des Weihegebetes in der christlichen Überlieferung über die Gottesmutter.“