Wichtig: posthume Buchveröffentlichung von Benedikt XVI.

Quelle: FSSPX Aktuell

Das Buch mit dem Titel „Che cos’e il Cristianesimo“ („Was ist das Christentum?“) enthält sechzehn Texte aus der Zeit nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. im Jahr 2013. Es wurde am 18. Januar vom italienischen Verlag Mondadori veröffentlicht. Das «spirituelle Fast-Testament», wie es im Untertitel heisst, enthält neben bereits veröffentlichten Texten, Interviews und Briefwechseln auch Material, das bislang nicht öffentlich zugänglich war.

In einem der bis dato unveröffentlichten Texte bedauert Benedikt XVI., dass das Zweite Vatikanum „nicht auf die grundlegende Infragestellung des katholischen Priestertums durch die Reformation im 16. Jahrhundert“ geantwortet habe. Es handele sich um eine „Wunde, die heute spürbar ist und die meiner Meinung nach offen und grundlegend behandelt werden muss.“ 

Benedikt XVI. sieht Luthers ursprünglichen Fehler in seiner Vision eines unversöhnlichen Gegensatzes zwischen dem Priesterkonzept des Alten Testaments und dem von Jesus Christus verliehenen Priestertum. Allerdings hatte die frühe Kirche bereits das Priestertum des Alten Testaments mit den Ämtern des Neuen Testaments verbunden und die Rechtfertigung durch Glauben und Werke nicht als Gegensätze betrachtet. 

Aufgrund ihrer gegensätzlichen theologischen Grundlagen „ist es völlig klar, dass das [protestantische] Abendmahl und die Messe zwei grundlegend verschiedene Formen des Gottesdienstes sind, die sich gegenseitig ausschließen. Diejenigen, die heute Interkommunion predigen, sollten sich daran erinnern“, warnt Joseph Ratzinger. 

Benedikt XVI. weist darauf hin, dass bei der Liturgiereform „Luthers Thesen eine gewisse stillschweigende Rolle gespielt haben, so dass bestimmte Kreise behaupten konnten, das Dekret des Konzils von Trient über das Messopfer sei stillschweigend abgeschafft worden.“ 

Er äußert also den Verdacht, dass die Härte der Opposition gegen die alte Messe zum Teil auch daher rührte, dass einige in ihr eine Idee von Opfer und Sühne sahen, die nicht mehr akzeptabel war. Diese Bemerkung ist eine Rechtfertigung für die Kritik am Novus Ordo - insbesondere durch die Kurze Kritische Prüfung -, die sowohl diesen protestantischen Einfluss als auch die Ablehnung des Sühneopfers festgestellt hatte. 

Der verstorbene emeritierte Papst schreibt schließlich: „Es ist offensichtlich, dass das moderne Denken (...) mit Luthers Ansatz besser zurechtkommt als mit dem katholischen Ansatz. Denn eine Erklärung der Schrift, die das Alte Testament als einen Weg zu Jesus Christus sieht, ist für das moderne Denken fast unzugänglich.“ 

Benedikt XVI. kritisiert einige Versuche des Dialogs zwischen Christen und Muslimen, die darauf hinweisen, dass sowohl die Bibel als auch der Koran von der Barmherzigkeit Gottes sprechen. Daraus ergebe sich der Imperativ, den Nächsten zu lieben. Es wird jedoch auch behauptet, dass beide Texte Aufrufe zur Gewalt enthalten. 

Daraus folgt, dass man sich in gewissem Sinne über beide Religionen stellt und behauptet, dass es in beiden Gut und Böse gibt und dass es daher notwendig ist, die Bibel und den Koran mit einer Hermeneutik der Liebe zu lesen und sich der Gewalt zu widersetzen, indem man beide berücksichtigt. 

In einem anderen Text stellt Joseph Ratzinger fest, dass die „Großmächte der Toleranz dem Christentum nicht die Toleranz gewähren, die sie propagieren.“ Mit ihrer „radikalen Manipulation des Menschen“ und der „Verzerrung der Geschlechter durch die Gender-Ideologie“ hätten sie sich eindeutig gegen das Christentum positioniert. 

Er fügt hinzu: „Die Intoleranz dieser scheinbaren Moderne gegenüber dem christlichen Glauben hat sich noch nicht in offene Verfolgung verwandelt, und doch tritt sie in zunehmend autoritärer Weise in Erscheinung, mit dem Ziel, durch entsprechende Gesetzgebung die Ausrottung dessen zu erreichen, was wesentlich christlich ist.“ 

Schließlich weist er die Kritik zurück, dass der christliche Glaube aufgrund seines Anspruchs auf Wahrheit und Universalität per se intolerant ist. Diese Ansicht beruht auf dem Verdacht, dass die Wahrheit gefährlich ist. Doch es sind die Gesellschaften, die sich der Wahrheit widersetzen, die intolerant sind. 

Laut des italienischen Theologen und Schriftstellers Elio Guerriero, der als Mitherausgeber des Buches fungierte, war es eine zwingende Bedingung von Benedikt XVI., das Buch erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. „Ich für meinen Teil möchte zu meinen Lebzeiten nichts veröffentlichen. Die Wut der Kreise gegen mich in Deutschland ist so groß, dass das Auftauchen auch nur eines meiner Worte sofort ein mörderisches Geschrei ihrerseits hervorruft.“