Kommentar der Priesterbruderschaft St. Pius X. zur Instruktion Universae Ecclesiae

Source: FSSPX News

Am 13. Mai 2011 wurde die Instruktion Universae Ecclesiae zur Anwendung des Motu proprio Summorum Pontificum (7. Juli 2007) durch die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei veröffentlicht, nachdem sie schon am 30. Dezember 2007 durch Kardinal Tarcisio Bertone angekündigt worden war.

Dieses römische Dokument, unterzeichnet durch Kardinal William Levada, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, und durch Monsigniore Guido Pozzo, Sekretär der Kommission Ecclesia Dei, erscheint, nachdem die Bischöfe der ganzen Welt die Bilanz der verflossenen drei Jahre seit der Veröffentlichung des Motu proprio Rom haben zukommen lassen können, ganz wie Benedikt XVI. dies in seinem Begleitbrief vom 7. Juli 2007 gewünscht hat.

Diese bedeutende Verzögerung offenbart, wie sehr die Anwendung von Summorum Pontificum bei den Bischöfen auf Schwierigkeiten gestoßen ist. Dies geht so weit, dass Universae Ecclesiae offiziell zum Ziel hat, „die rechte Interpretation und Anwendung des Motu proprio Summorum Pontificum zu gewährleisten“ (Nr. 12), aber auch und vor allem, um seine Anwendung, der die Ortsordinarien mit äußerster Zurückhaltung zustimmen, zu erleichtern. Die voraussehbare Kluft zwischen dem Recht der überlieferten Messe, welches das Motu proprio anerkennt, und der Tatsache dieser Anerkennung durch die Bischöfe hatte Mgr. Fellay in seinem Brief an die Gläubigen der Bruderschaft St. Pius X. bereits am 7. Juli 2007 vorausgesagt.

Diese Lage der Tatsachen zwingt im römischen Dokument dazu, einige Punkte ins Gedächtnis zu rufen:

‑ „Mit diesem Motu proprio hat Papst Benedikt XVI. ein universalkirchliches Gesetz erlassen, um den Gebrauch der römischen Liturgie, wie sie 1962 in Geltung war, neu zu regeln.“ (Nr. 2)

‑ Der Heilige Vater greift das überlieferte Prinzip auf, das seit undenklichen Zeiten anerkannt ist und das notwendigerweise auch in der Zukunft aufrechterhalten werden muss, gemäß dem jede Teilkirche mit der Gesamtkirche nicht nur hinsichtlich der Glaubenslehre und der sakramentalen Zeichen übereinstimmen muss, „sondern auch hinsichtlich der universal von der apostolischen und ununterbrochenen Überlieferung empfangenen Gebräuche, die einzuhalten sind, nicht nur, um Irrtümer zu vermeiden, sondern auch, damit der Glaube unversehrt weitergegeben wird; denn das Gesetz des Betens (lex orandi) der Kirche entspricht ihrem Gesetz des Glaubens (lex credendi).“ (Nr. 3)

‑ Das Motu proprio hat zum Ziel:

a) „allen Gläubigen die römische Liturgie im usus antiquior anzubieten, da sie ein wertvoller Schatz ist, den es zu bewahren gilt;

b) den Gebrauch der forma extraordinaria all jenen wirklich zu gewährleisten und zu ermöglichen, die darum bitten. Dabei ist vorausgesetzt, dass der Gebrauch der 1962 geltenden römischen Liturgie eine Befugnis ist, die zum Wohl der Gläubigen gewährt worden ist und daher zugunsten der Gläubigen, an die sie sich primär richtet, ausgelegt werden muss;

c) die Versöhnung innerhalb der Kirche zu fördern.“ (Nr. 8)

Die Instruktion stattet auch aufgrund der entstandenen Auseinandersetzungen wegen des wenig guten Willens der Bischöfe die Kommission Ecclesia Dei mit verstärkter Vollmacht aus, das Motu proprio anzuwenden:

- „Über die besonderen Befugnisse hinaus, die ihr von Papst Johannes Paul II. verliehen und die von Papst Benedikt XVI. bestätigt worden sind (vgl. Motu proprio Summorum Pontificum, Art. 11-12), übt die Päpstliche Kommission diese Hirtengewalt auch dadurch aus, dass sie als hierarchischer Oberer die ihr rechtmäßig vorgelegten Rekurse gegen einzelne Verwaltungsakte von Ordinarien entscheidet, die dem Motu proprio zu widersprechen scheinen.“ (Nr. 10, § 1)

- „Im Fall von Auseinandersetzungen oder begründeten Zweifeln über gottesdienstliche Feiern in der forma extraordinaria wird die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei entscheiden.“ (Nr. 13)

Aber ein Rekurs ist möglich:

- „Die Dekrete, mit denen die Päpstliche Kommission diese Rekurse entscheidet, können ad normam iuris beim Obersten Gerichtshof der Apostolischen Signatur angefochten werden.“ (Nr. 10, § 2)

Es ist also angemessen, in den folgenden Monaten mit Sorgfalt zu beobachten, ob diese Anordnungen sich als wirksam erweisen und ob die Bischöfe von den Fakten aus sich wirklich zum Recht bekennen, das zu beobachten die Kommission Ecclesia Dei beauftragt ist.

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Dieses römische Dokument hat einen leicht zu entdeckenden diplomatischen Charakter; es geht sehr achtsam um mit dem Widerspruch, den es erfährt, und trägt Sorge dafür, die Punkte mit entgegengesetzter Sicht nicht offen hervortreten zu lassen. So kann man mehrere widersprüchliche Gesichtspunkte feststellen, die trotz der erklärten Einheit die Differenzen zutage treten lassen, die man mit ins Kalkül ziehen musste:

- Merkwürdigerweise sind es jene Bischöfe, die auf eine großherzige Anwendung des Motu proprio Wert legen, die Gefahr laufen, die Seminaristen ihrer Diözesen nicht mehr im überlieferten Ritus weihen zu können. In der Tat legt die Nr. 31 fest: „Nur in den Instituten des geweihten Lebens und in den Gesellschaften des apostolischen Lebens, die der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei unterstehen, und in jenen, die weiterhin die liturgischen Bücher der forma extraordinaria verwenden, ist der Gebrauch des Pontificale romanum von 1962 für die Spendung der niederen und höheren Weihen erlaubt.“

In diesem Zusammenhang erinnert der Text an die nach-konziliare Gesetzgebung, welche die niederen Weihen und das Subdiakonat abgeschafft hat. Die Kandidaten für das Priestertum werden erst mit dem Diakonat inkardiniert; dennoch kann man im alten Ritus die Tonsur, die niederen Weihen und das Subdiakonat spenden, ohne dass diese allerdings den geringsten kirchenrechtlichen Wert hätten. Dieser Punkt steht klar im Widerspruch zum Prinzip, an das in der Nr. 3 erinnert wird, wo die Rede ist vom Festhalten an den „von der apostolischen und ununterbrochenen Überlieferung empfangenen Gebräuchen“.

- Paradoxerweise sind durch die Anordnungen des römischen Dokumentes die Priester, die am meisten an der überlieferten Messe festhalten - als an einem „Schatz, den es zu bewahren gilt“ (Nr. 8) - ausgeschlossen, weil sie aus diesem Grunde heraus eben nicht bi-ritualistisch sind. In der Tat wird in Nr. 19 gesagt: „Die Gläubigen, die Gottesdienste in der forma extraordinaria erbitten, dürfen nicht Gruppen unterstützen oder angehören, welche die Gültigkeit oder Erlaubtheit der heiligen Messe oder der Sakramente in der forma ordinaria bestreiten und/oder den Papst als Obersten Hirten der Gesamtkirche ablehnen.“

Man kann hier einen feinen Unterschied feststellen: Die Instruktion spricht von „Gültigkeit“ oder „Erlaubtheit“, wo der Brief Benedikts XVI. an die Bischöfe vom 7. Juli 2007 eine „Anerkennung des Wertes und der Heiligkeit“ des Novus Ordo Missae verlangt und die Nicht-Ausschließlichkeit der Zelebration gemäß dem überlieferten Ritus. Trotzdem muss man sagen, dass diese Nr. 19 gewiss den Bischöfen die Möglichkeit geben wird, die Wirksamkeit der Instruktion zu unterlaufen, weil sie das Verlangen einer weitherzigen Anwendung des Motu proprio zum Wohle der Gläubigen (Nr. 8) lähmt.

Gewisse überstürzte Kommentare haben glauben lassen, die Priesterbruderschaft St. Pius X. sei ebenfalls ausgeschlossen aufgrund ihres Widerstandes dem Römischen Oberhirten gegenüber; dies trifft nicht zu, denn die Rücknahme der „Exkommunikation“ ihrer Bischöfe wurde vorgenommen, weil Rom genau in Betracht zog, dass sie sich nicht dem Primat des Papstes widersetzen. Das Dekret vom 21. Januar 2009 bediente sich tatsächlich der Ausdrücke, die sich im Brief von Mgr. Fellay vom 15. Dezember 2008 an Kardinal Castrillón Hoyos finden: „...indem wir mit Festigkeit an den Primat des Petrus und an seine Vorrechte glauben.“

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Die Widersprüche dieser Instruktion spiegeln die diplomatischen Kompromisse wider, die eingegangen werden mussten, um die Anwendung des Motu proprio Summorum Pontificum zu erleichtern, die bisher so schwierig war; aber sie sind im Wesentlichen begründet in der wiederholten Behauptung einer lehrmäßigen Kontinuität zwischen der tridentinischen Messe und dem Novus Ordo Missae: „Die Texte des römischen Messbuchs von Papst Paul VI. und des Missale, das in letzter Ausgabe unter Papst Johannes XXIII. erschienen ist, sind zwei Formen der römischen Liturgie, die ordentliche (forma ordinaria) beziehungsweise außerordentliche (forma extraordinaria) genannt werden. Dabei handelt es sich um zwei Gebrauchsweisen des einen römischen Ritus, die nebeneinander stehen. Beide Formen sind Ausdruck derselben lex orandi der Kirche.“ (Nr. 6)

Nun kann man aber in diesem Punkt einen Widerspruch zwischen zwei aufeinanderfolgenden Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre feststellen, nämlich zwischen Kardinal Alfredo Ottaviani in seiner Kurzen kritischen Untersuchung des neuen Ordo Missae und Kardinal William Levada, dessen Unterschrift die jetzige Instruktion trägt.

In seiner Paul VI. am 25. September 1969 überreichten Studie schrieb Kardinal Ottaviani: „Wie die beiliegende kurze Untersuchung hinlänglich zeigt, stellt der Novus Ordo Missae (...) sowohl im Ganzen als auch in den Einzelheiten ein auffallendes Abrücken von der katholischen Theologie der heiligen Messe dar, wie sie in der XXII. Sitzung des Konzils von Trient formuliert wurde.“ Und Kardinal Alfons Maria Stickler, Bibliothekar der heiligen römischen Kirche und Archivist der Geheimarchive des Vatikans, schrieb am 27. November 2004 aus Anlass der Neuherausgabe der Kurzen kritischen Untersuchung der Kardinäle Ottaviani und Bacci: „Die Analyse des Novus Ordo, die diese beiden Kardinäle angestellt haben, hat nichts von ihrem Wert und leider auch nichts von ihrer Aktualität verloren... Die Ergebnisse der Reform werden heute von vielen als verheerend beurteilt. Es war das Verdienst der Kardinäle Ottaviani und Bacci, sehr schnell zu erkennen, dass die Veränderung der Riten zu einer grundlegenden Veränderung der Lehre führen würde.“

Aufgrund der schwerwiegenden Mängel des Novus Ordo Missae und der unter Paul VI. eingeführten Reformen fragt die Priesterbruderschaft St. Pius X. ernsthaft - wenn auch nicht nach der Gültigkeit dem Prinzip nach so doch wenigstens nach der „Erlaubtheit der heiligen Messe oder der Sakramente, die in der forma ordinaria gefeiert werden“ (Nr. 19). So schwierig ist es, wie schon 1969 Kardinal Ottaviani bemerkte, die Messe des heiligen Pius V. und die Pauls VI. in ein und derselben ununterbrochenen apostolischen Tradition zu sehen (vgl. Nr. 3).

Es besteht kein Zweifel, dass die Instruktion Universae Ecclesiae, die ganz auf der Linie des Motu proprio Summorum Pontificum liegt, nur eine bedeutende Etappe darstellt in der Anerkennung der Rechte der überlieferten Messe. Die Anwendungsschwierigkeiten aber, welche die Instruktion versucht zu beheben, werden im vollen Umfang allein durch das Studium der tiefen Kluft ‑ nicht zwischen der Priesterbruderschaft St. Pius X. und dem Heiligen Stuhl, sondern zwischen der überlieferten Messe und dem Novus Ordo Missae – behoben. Was aber nicht Gegenstand einer Diskussion über die Form (außerordentlich oder ordentlich), sondern über den lehrmäßigen Grund sein kann.

(Aus: DICI Nr. 235, 19.05.2011)

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Comentario Oficial sobre la Instrucción Universæ Ecclesiæ
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