Martin Luther – ein Reformator?

Quelle: Distrikt Deutschland

Martin Luther – ein Reformator?

Luthers Persönlichkeit – Warum feiern wir einen Judenhasser?

Von Pater Matthias Gaudron

Warum hat die „kritische Öffentlichkeit“ offenbar kein Problem damit, das Jubiläum eines Mannes zu feiern, der von wildem Judenhass beseelt war und die Obrigkeit zur unbarmherzigen Verfolgung der Juden aufrief.

Luther hatte anfangs gehofft, die Juden mit seiner Theologie bekehren zu können. Als ihm das jedoch nicht gelang, sondern einige Rabbiner ihm sogar Fehler in seiner Bibelübersetzung nachwiesen, schlug sein Judenhass voll durch, was der Historiker Michael Hesemann auf eine „narzisstische Kränkung“ zurückführt: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist's um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“

In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen forderte Luther von den Fürsten des Reiches, „dass ihr und wir alle der unleidlichen, teuflischen Last der Juden entladen werden“, und zwar unter anderem durch die Niederbrennung aller Synagogen und jüdischen Schulen, Enteignung, Zerstörung ihrer Häuser, Schikanen wie Bewerfung mit „Saudreck“ und Zwangsarbeit.

Luther hat damit mehr oder weniger das gefordert, was Hitler später verwirklichte. Die Reichskristallnacht wurde vom evangelisch-lutherischen Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach dann auch folgendermaßen kommentiert:

 

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird ... die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“

Die Auseinandersetzung des Protestantismus mit dieser dunklen Seite ihres Gründers lässt zu wünschen übrig. Der evangelische Theologe Bernhard Lohse z. B. widmete in seinem bekannten Werk Martin Luther: eine Einführung in sein Leben und sein Werk diesem Thema gerade einmal eine halbe Seite. Er gibt hier zwar zu, es handle sich um ein „dunkles Kapitel“ und Luther habe durch seine maßlosen Äußerungen einen Anlass gegeben, dass führende Nationalsozialisten sich auf ihn als „Patron der Judenverfolgung“ berufen konnten, meint dann aber, dies wäre nicht im Sinne Luthers gewesen.

Papst Pius XII., der nachweislich Tausende von Juden gerettet hat, wird bis heute immer wieder vorgeworfen, er hätte die Juden im Stich gelassen, aber einem Mann, der dem katholischen Glauben schweren Schaden zugefügt und viele Menschen zum Abfall von der Kirche bewegt hat, scheint man gerne alles zu verzeihen. Das entlarvt, welche Heuchelei in den meisten Medien am Werke ist.

Auch in den Bauernkriegen rief Luther zum Mord an unschuldigen Menschen auf. Die Bauern hatten sich gerade auf ihn und die von ihm gepredigte „Freiheit des Christenmenschen“ berufen, um gegen ihre bedrückte Lebensweise zu revoltieren. Luther versuchte zwar zuerst zu vermitteln, wandte sich in seiner Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Bauern (1525) dann aber gegen diese und forderte die Fürsten auf, ohne Gnade und Geduld dreinzuschlagen:

 

„Darum soll hier zuschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann und gedenken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres und Teuflischeres sein kann, als ein aufrührerischer Mensch, gleich als wenn man einen tollten Hund totschlagen muss. Schlägst du nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir. … Es gilt auch hier nicht Geduld und Barmherzigkeit. Es ist des Schwertes und Zornes Zeit hier, und nicht der Gnaden Zeit.“ Ein Fürst, der bei der Bestrafung der Bauern falle, sei „ein rechter Martyrer vor Gott … So wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen <mehr> verdienen kann, als andere mit Beten.“

Überhaupt unterstellte Luther seine Gemeinden bald vollständig den jeweiligen Landesfürsten, die sich an den eingezogenen Kirchen- und Klostergütern bereichern durften. An sich hätten sie dafür die protestantischen Prediger besolden sollen, was viele von ihnen aber so schlecht erfüllten, dass jene in großer Armut leben mussten.

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass es auch eine andere Seite Luthers gab. Neben dem hochfahrenden Wüterich und Berserker gab es auch den väterlichen Seelsorger und feurigen Volksprediger. Es lebten gewissermaßen zwei Seelen in seiner Brust. Vielleicht hätte Luther ein echter Reformer der Kirche werden können, wie anfangs manche der Kirche ergebene Katholiken hofften, wie z. B. Willibald Pirckheimer, Albrecht Dürer oder auch Erasmus von Rotterdam, die sich nach einiger Zeit jedoch enttäuscht von ihm abwendeten, als sie sahen, dass Luthers Wirken nicht zur Reform, sondern zur Spaltung der Kirche führte.

Die unbestreitbaren Missstände in der katholischen Kirche, die vor allem in der Verweltlichung des Klerus und vieler Ordensleute bestanden, gaben Luther und seinen Mitstreitern in den Augen vieler allerdings einen Schein des Rechtes. Diese tiefere Ursache der Krise wurde von Papst Hadrian VI. gegenüber dem Reichstag in Nürnberg offen zugegeben. Am 3. Januar 1523 verlas der päpstliche Legat eine Instruktion des Papstes, in der es hieß:

 

„Du sollst auch sagen, dass wir es aufrichtig bekennen, dass Gott diese Verfolgung seiner Kirche geschehen lässt wegen der Sünden der Menschen, besonders der der Priester und der Prälaten. […] Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen: Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Ärgern verkehrt hat.“

Die wirkliche Reform der Kirche wurde nicht durch Luther, sondern durch das Konzil von Trient vollzogen. Eine große Rolle spielten dabei die vielen Heiligen, die in dieser Zeit wirkten, wie Ignatius von Loyola mit seinem Jesuitenorden, Karl Borromäus, Theresia von Avila usw. Im deutschsprachigen Raum ist besonders das Wirken des hl. Petrus Canisius hervorzuheben.

Das Gesamturteil über die Persönlichkeit Luthers kann jedenfalls nur negativ ausfallen. Wer das Leben Luthers kennt, wird ihn vielleicht auch wie der Osnabrücker Bischof Bode als „spannende Persönlichkeit“ empfinden, aber kaum im positiven Sinn. Der areligiöse Jude Stefan Zweig charakterisierte ihn folgendermaßen:

 

„Von allen genialen Menschen, welche die Erde getragen, war Luther vielleicht der fanatischste, der unbelehrbarste, unfügsamste und unfriedsamste. Er konnte nur Jasager um sich brauchen, um ihrer sich zu bedienen, und Neinsager, um seinen Zorn an ihnen zu entzünden und sie zu zermalmen. … Auch gegen den schon besiegten Gegner übt er weder Noblesse noch Mitleid, selbst auf den wehrlos am Boden Liegenden drischt er in blindwütigem Zorn weiter zu. Er jubelt, als Thomas Münder und Zehntausende Bauern schandbar hingeschlachtet werden, und rühmt sich mit heller Stimme, ‚dass ihr Blut auf seinem Halse ist‘, er frohlockt, dass der ‚säuische‘ Zwingli und Karlstadt und alle anderen, die je ihm widerstrebten, elend zugrunde gehen – niemals hat dieser hassgewaltige und heiße Mensch einem Feinde auch nach dem Tode gerechte Nachrede gegönnt“ (Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Wien 1934).

Leider kommt Widerstand gegen das Lutherjahr fast nur von atheistischer Seite, wohingegen katholische Bischöfe meinen, sich den Protestanten anbiedern zu sollen, indem sie Luther z. B. als „gemeinsamen Lehrer“ bezeichnen, wie es Karl Lehmann tat. Aber selbst Papst Franziskus eilte ja zur Eröffnung der Reformationsfeierlichkeiten nach Schweden, wobei er die kleine katholische Herde in diesem Land am liebsten gar nicht besucht hätte, weil sie die Ökumene stört. Erst massive Proteste bewegten ihn dazu, seine Reise um einen Tag zu verlängern, um auch eine Messe zu feiern.