Vor 75 Jahren: Marcel Lefebvre wird zum Bischof ernannt

Quelle: Distrikt Österreich

Vor 75 Jahren erhob Papst Pius XII. den Priester und Missionar Marcel Lefebvre zur bischöflichen Würde. Die päpstliche Bulle „Dilecto filio Marcello Lefebvre“, die das Datum des 12. Juni 1947 trug und am 23. Juli abgeschickt wurde, bestimmte ihn „da Du, wie uns berichtet wurde, mit den für dieses pastorale Amt notwendigen Fähigkeiten begabt bist“ zum Nachfolger der Apostel. 

Der Pontifex befahl, dass er innerhalb von drei Monaten die bischöfliche Konsekration empfangen müsse und teilte ihm das Titularbistum Anthédon (El Blakiyeh, in der Nähe von Gaza in Palästina) zu.  

Pius XII. ernannte ihn außerdem zum Apostolischen Vikar von Dakar. Die Hauptstadt der französischen – allerdings mehrheitlich muslimischen – Kolonie Senegal und wichtigste Hafenstadt Westafrikas war 1947 noch kein Bistum. Der Apostolische Vikar übt in einem Missionsgebiet die Jurisdiktion in Namen und Auftrag des Papstes aus. Trotzdem besitzt er alle Vollmachten eines residierenden Bischofs. 

Nach seiner Ernennung am 12. Juni 1947 zum Apostolischen Vikar von Dakar wurde er am 18. September 1947 in seiner Heimatpfarrei von Kardinal Achille Liénart (1884–1973), der ihn auch schon zum Priester geweiht hatte, konsekriert.  

Am 16. November 1947 setzte ihn Kardinal Eugène Tisserant (1884–1972) in Dakar in sein Amt ein. Ein Jahr später wurde er Titularerzbischof und Delegat des Papstes für das französische Kolonialgebiet in Afrika. Nachdem er aus Missionsgebieten 66 Bistümer geformt hatte, ernannte ihn Papst Pius XII, 1955 zum Oberhirten des zum Erzbistum umgewandelten Dakar.  

Nach dem Zeugnis des päpstlichen Nuntius Donato Squicciarini (1927-2006) war er „die vielleicht größte Missionarspersönlichkeit der Kirche im 20. Jahrhundert.“  

Die weitere Geschichte seines Lebens als Generaloberer der Spiritaner, als Konzilsvater, als Bischof von Tulle, als Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., als Retter der römischen Messe und „Athanasius des XX. Jahrhunderts“ soll hier nicht erzählt werden. Seit 1991 harrt er im Schweizer Ecône der seligen Auferstehung. 

Weihbischof Bernard Tissier de Mallerais hat in seiner 2002 erschienenen Biographie des Erzbischofs die Umstände der Bischofsernennung näher beleuchtet ►

Auszug aus der Biographie des Erzbischofs

„Mitte Juni 1947 dachte P. Lefebvre an die Sommerferien, in denen es ihm vom 20. Juli bis 17. August möglich sein würde, seine Exerzitien zu machen und einige freiere Tage darauf zu verwenden, bestimmte Grundlinien aus dem Leben seiner Mutter aufzuzeichnen, „um ihre heiligmäßige Seele ein wenig bekannt zu machen“. Ein Telefonanruf warf seine Pläne durcheinander.  

Am 25. Juni klopft sein Stellvertreter, P. Macher, an seine Tür und sagt ihm ganz einfach:  

– „Herr Pater, Sie sind zum Apostolischen Vikar von Dakar ernannt!“

Sofort ruft P. Lefebvre Mgr. Le Hunsec in Paris an.  

– „Hallo?“  

– „Guten Tag, Herr Pater; ja, mit Ihnen wollte ich sprechen. Halten Sie sich gut fest! Sie sind... Sie sind zum Apostolischen Vikar von Dakar ernannt!“  

–  Stille.  

–  „Nun, Herr Pater?“  

–  „Oh, nach Dakar. So was! Mein Gott!“  

Und P. Lefebvre dachte: „Ich habe schon mit etwas gerechnet, aber man hatte mir von Gabun gesprochen. Aber Dakar: In einem ganz muslimischen Umfeld, wo ich niemand kenne.“  

„Sie sind Ordensmann, Sie müssen gehorchen! Sie haben keine Wahl, Sie müssen Ja sagen.“  

Also mußte er ja sagen. 

Es gab nichts mehr zu verbergen; daher ertönte noch am selben Abend beim Essen, in dem Augenblick, als der Lektor das Evangelium beendete, am Tisch der Patres das Glöckchen. P. Macher erhob sich, man war beunruhigt.  

„Meine lieben Mitbrüder“ – die Stimme zitterte vor Erregung –, „meine lieben Mitbrüder, ich teile Ihnen eine große Freude und eine große Ehre mit: Unser lieber Pater Superior ist zum Apostolischen Vikar von Dakar ernannt!“  

Beifall brauste auf. P. Lefebvre antwortete in demselben einfachen und väterlichen Ton, den er immer gehabt hat: Natürlich war er von dieser Ernennung nach Dakar überrascht, natürlich verweigerte er sich dieser Pflicht nicht, aber, so fügte er hinzu:  

– „Ich erinnere mich an das Wort im Evangelium: Duxerunt eum ut crucifigerent.“ „ ... und führten ihn ab zur Kreuzigung“ (Mt 27,31).  

Und in Anbetracht dieser Aufgabe sagte er dieselben Worte, die er am Tag seiner Ankunft im Scholastikat ausgesprochen hatte:  

– „Was ich zu geben habe, gebe ich!“ 

Auf seiner Fahrt nach Paris [ins Generalhaus der Spiritaner] kamen P. Lefebvre Zweifel: „Soll ich nicht lieber Trappist werden? Täuscht man sich nicht über mich? Und außerdem: Warum Dakar? Hatte man mir nicht von Gabun gesprochen?“  

Ja, der Name Marcel Lefebvre hatte auf der Terna von Libreville gestanden, wo es um die Nachfolge von Mgr. Tardy ging, der im Januar 1947 in Chevilly verstorben war.  

[Als Terna wird eine Liste von drei Kandidaten bezeichnet, die nach verschiedenen Verfahren ausgewählt werden; diese Liste wird der Hl. Kongregation de Propaganda Fide (für die Missionsgebiete) vorgelegt, welche dann die Wahl dem Papst zur Entscheidung überläßt.]  

Außerdem hatte man bereits im Dezember 1946 René Graffin, den Apostolischen Vikar von Jaunde, der bei seinem einheimischen Klerus unbeliebt war, vorgeschlagen, um den zurückgetretenen Mgr. Grimault in Dakar zu ersetzen. Seine Versetzung hätte zwei Probleme auf einen Schlag gelöst.  

Und für den Bischofsstuhl von Jaunde, das viel bevölkerungsreicher war als Gabun, wäre P. Lefebvre ebenfalls geeignet gewesen, während P. Jérôme Adam in Libreville zufriedenstellende Arbeit geleistet hätte.  

Da verweigerte jedoch Mgr. Graffin seine Versetzung. Er verblieb also in Jaunde, und auf dem Schachbrett der Hl. Kongregation de Propaganda Fide wurde Marcel Lefebvre schließlich nach Dakar geschoben. 

Es war bezeichnend, daß Rom für die Hauptstadt von Französisch-Westafrika, dessen kirchliche Zukunft sich abzeichnete, diesen 41jährigen früheren Missionar gewählt hatte. Französisch Westafrika umfaßte 8 Kolonien: Dakar, Senegal, Französisch-Guinea, Elfenbeinküste, Dahomey, Französisch-Sudan, Mauretanien und Nigeria, also eine Bevölkerung von 20 Millionen.  

Man darf glauben, daß man für ihn die „erforderlichen Dimensionen“ gefunden hatte, wie es Kardinal Liénart [Trinkspruch bei der Bischofsweihe von Mgr. Lefebvre] ausdrückte. 

Außer den von Kanon 331 [des Kirchenrechts] geforderten Eigenschaften [Gute Sitten, Frömmigkeit, Seeleneifer, Klugheit] wies der Erwählte auch Organisationstalent und Kühnheit beim Gebrauch der materiellen Mittel auf. Einziger Schwachpunkt: seine Neigung zum Starrsinn. Wenn jedoch von diesem Punkt gesprochen wurde, so war es nur, um festzustellen, daß die Hartnäckigkeit, wenn sie im Dienste der gesunden Lehre steht, eine Tugend ist und daß dies hier wohl der Fall sei.  

In Paris empfing [der Generalobere der Spiritaner] Mgr. Le Hunsec den Erwählten brüderlich, zerstreute seine Zweifel, indem er ihm die Losung des hl. Franz von Sales zitierte: „Nichts erbitten, nichts verweigern“. Er ermutigte ihn mit dem Geschenk eines schönen Amethysten [für den Bischofsring].  

… 

Ein Wort des hl. Johannes, das er sehr liebte hatte er als Bischofsspruch gewählt: „Et nos credidimus caritati.“ „Ja“, sagte er, „wir haben an die große Liebe geglaubt, die Gott, die unser Herr zu uns hat.“ 

Das Wappen des Erwählten stellte auf der linken Seite das Emblem seiner Kongregation dar, welches das Emblem der künftigen Kathedrale von Dakar, Souvenir africain genannt, überragte, und auf der rechten Seite ein „rotfarbenes Kreuz auf goldenem Grund, besetzt mit einem sechszackigen Stern, umrahmt von vier himmelblauen Fingerkrautblüten“; es war das Wappen, das sein Großonkel Pierre Lefebvre, Bürger von Tournai, um 1690 eintragen ließ. Doch der Bischof sah darin vor allem das vom Blut gerötete Kreuz unseres Herrn wie auch jenes des Kreuzzugs für Sein Reich, auf dem Gold der Gottesliebe, umgeben von der allumfassenden Mittlerschaft Unserer Lieben Frau.  … 

Da Kardinal Liénart der Bischof seiner Heimatdiözese und ein großer Freund der Missionen war, bat Mgr. Lefebvre ihn um die Erteilung der Bischofsweihe. Als mitweihende Bischöfe wählte er Mgr. Alfred Ancel, Weihbischof von Lyon, der in Santa Chiara sein älterer Mitseminarist gewesen war, und seinen Freund Mgr. Fauret. Schließlich wurde entschieden, daß die Bischofsweihe in seiner Heimatpfarrei, in Tourcoing, stattfinden sollte. … 

Er empfing die Fülle des Priestertums am Donnerstag, dem 18. September 1947, in der Kirche Unsere Liebe Frau von Tourcoing in Anwesenheit von Mgr. Le Hunsec und sechs weiteren Missionsbischöfen, von Mgr. Dutoit, Bischof von Arras, des Pfarrers von Mortain und vieler Patres aus Frankreich, dem Senegal und von Vertretern des Französischen Seminars. P. René Lefebvre und P. Jean Watine SJ, Bruder und Cousin des Erwählten, waren Subdiakon und Diakon in der Pontifikalmesse zur Bischofsweihe.